Graphic Reporting @ BZfE2018 | (c) Dr. Sabine Bonneck

Ernährungsbildung: Mehr als die gesunde Wahl

Bericht vom 2. BZfE Forum in Bonn

Ernährungsbildung war der Aufhänger für das 2. Forum des Bundeszentrums für Ernährung, das im September 2018 in der Stadthalle in Bonn-Bad Godesberg stattfand. Bei Ernährungsbildung geht es nicht nur um die eigene Gesundheit, sondern um das Bewusstsein für weiterreichende Auswirkungen unseres Ernährungsverhaltens. Diese skizzierte Dr. Ursula Hudson von Slow Food, einem Verein, der 1986 in Rom gegründet wurde und heute 100.000 Mitglieder in 160 Ländern hat. Ende der 1980er Jahre interessierten sich noch die wenigsten dafür, woher unsere Lebensmittel kommen. Heute steht die Frage mit im Zentrum des öffentlichen Diskurses über Ernährung. Dennoch wissen die meisten Menschen nicht genug über ihr Essen. Sie kaufen zu viele Lebensmittel, die sie dick und krank machen und die Umwelt schädigen.

Längst alltäglich sind für uns Produkte, denen minderwertigen Zutaten beigegeben sind. Nicht nur Experten langweilen sich über das Beispiel vom Erdbeerjoghurt, der kaum Frucht enthält, stattdessen aber Aromen, die aus Holzspänen gewonnen wurden. Wir sind gewöhnt an Berichte über erschütternde Zustände in der Massentierhaltung. Bei Sonderangeboten greifen wir zu, ohne zu fragen, welchen Preis die Gesellschaft am Ende des Tages für die Lebensmittelproduktion bezahlt.

Frage an Dr. Ursula Hudson, Slow Food, von Dr. Sabine Bonneck
Frage an Dr. Ursula Hudson, Slow Food, von Dr. Sabine Bonneck

Bewusste Kaufentscheidungen sind aufwändig

Bewusste Kaufentscheidungen zwingen uns zum permanenten Abwägen: Soll ich das Obst in der Plastikverpackung kaufen? Oder die Tomaten aus Andalusien, deren Zucht die Wasserknappheit dort weiter verschärft? Die Aubergine ist so hochgezüchtet, dass sie makellos aussieht, aber leider ihren Geschmack verloren hat. Wie viele Flugstunden mag die Ananas hinter sich haben? Und kann ich ein Kotelett aus konventioneller Tierhaltung kaufen?… Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Bewusstes Einkaufen ist schwierig und auch aufwändig. Erst recht, da jeder Supermarkt zu fast jeder Tageszeit eine riesige Auswahl billiger Produkte anbietet. Aber spätestens, wenn das Hundefutter teurer ist als eine Leberwurst, wird offensichtlich, dass im System etwas falsch läuft. Ernährungsbildung ist daher wichtig, um die gesunde Wahl zu treffen und mit Hilfe der Macht der Nachfrage Anstöße zu Änderungen des Ernährungssystems zu geben. Slow Food will die Verbraucher in die Pflicht nehmen. 50 % des Bruttoinlandsprodukts entstehen durch private Nachfrage. Verbraucher verfügen also über Macht und können durch vernunftgeleiteten Konsum Änderungen im System durchsetzen.

Verbraucher brauchen Unterstützung durch die Politik

Die Politik muss allerdings unterstützend eingreifen. Was nützt es der Umwelt und dem Tierschutz, wenn sich der Fleischverzehr in Deutschland auf einem konstanten, im Jahresverlauf relativ niedrigen Niveau bewegt, zugleich aber die Produktion steigt, weil immer mehr Fleisch exportiert wird? Strengere Anforderungen an die konventionelle Tierhaltung hält Dr. Hudson ebenfalls für nötig, um die Nachfrage nach Bio-Fleisch zu steigern. Eine Zuckersteuer oder eine Ampelkennzeichnung sind ihrer Meinung nach nicht weitreichend genug. Dies wären nur kleine „Reparaturen“, Slow Food strebt aber nicht weniger an als die Verbesserung des gesamten Systems.

Ernährungsbildung in jeder Lebensphase

Wann soll Ernährungsbildung anfangen? Laut dem BZfE so früh wie möglich! Sie sollte alle Lebensphasen umfassen. Schon werdende Mütter brauchen Informationen, inwieweit sie mit ihrer Ernährung das Wohlergehen des Kindes beeinflussen können. Das BZfE hat mit „Gesund ins Leben“ ein Programm ins Leben gerufen, das auf den Start ins Leben bis zur Kita hin abzielt. In diesem Rahmen fördert es beispielsweise Forschung zum Stillen und propagiert die Erhöhung von Stillraten. Hebammen, Gynäkologen und Kinderärzte sind die wichtigsten Multiplikatoren in dieser Phase.

Zur Ernährungsbildung in Kitas gibt es nur wenige Daten. Die meisten Leiter wissen um die Bedeutung des Themas, aber die Erzieher sind nicht ausreichend qualifiziert, um den Kindern das Thema nahezubringen. Besser sieht es dann wieder in der Schule aus. Zwar ist Schleswig-Holstein das einzige Bundesland mit einem Unterrichtsfach Verbraucherbildung. Dank der Schulpflicht gibt es trotzdem viele Einflussmöglichkeiten auf die Ernährungsbildung, weil man jeden erreicht. Jeder geht in die Schule, und im Schnitt nimmt man während der Schulzeit etwa 2.800 Mahlzeiten dort ein. Automatisch üben die Kinder ein bestimmtes Ernährungsverhalten ein, und ganz sicher hat das einen Einfluss auf die späteren Essgewohnheiten.

Das Elternhaus prägt unser Ernährungsverhalten

Dr. Matthea Dallacker, MPIB #BZfE2018 | (c) Dr. Sabine Bonneck
Dr. Matthea Dallacker, MPIB #BZfE2018 | (c) Dr. Sabine Bonneck

Den wichtigsten Einfluss aber haben die Eltern. Zwei Drittel der Kalorien essen Kinder zu Hause, etwa 10.000 Mahlzeiten hat ein 10-jähriges Kind dort verspeist. Welche Gewohnheiten hieraus entstehen, hängt davon ab, ob die Eltern selbst über Ernährungsbildung verfügen. Der Zusammenhang liegt auf der Hand: Nur wer über ein Grundwissen über Ernährung verfügt, kann seine Kinder zu einem gesünderen Essverhalten animieren.

Die Ergebnisse einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung bestätigen diese Aussage: Eltern sollten den Zuckergehalt in Joghurts einschätzen, und 9 von 10 Eltern hielten ihn für geringer, als er tatsächlich war. Sie vermuteten 4 Würfel Zucker im Becher, tatsächlich waren es 11. Je schlechter die Eltern informiert waren, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder übergewichtig waren.

Eltern können ihre Kinder vor Übergewicht bewahren, indem sie bestimmte Gewohnheiten praktizieren, z. B. gesundes Essen anbieten, dasselbe essen wie die Kinder, nicht vor dem Fernseher essen, die Kinder bei der Zubereitung beteiligen, genügend Zeit für die Mahlzeit einplanen und auf eine positive Atmosphäre achten.

Gruppenfoto #BZfE2018 | (c) Dr. Sabine Bonneck: Sven Preger, Dr. Hanns Eiden, Maria Flothkötter, Dr. Barbara Kaiser, Professor Dr. Ulrike Johannsen, Dr. Melanie Weber-Moritz, Dr. Margaretha Büning-Fesel, Dr. Anke Oepping, Rhea Dankert, Eva Zovko

Ernährungsbildung in zeitgemäßer Form

Für alle Lebensphasen ist es wichtig, dass im Rahmen der Ernährungsbildung Botschaften vermittelt werden, die alltagstauglich sind. Das BZfE will seine Multiplikatoren weiterhin dabei unterstützen. Klar ist, dass es immer schwieriger wird, die richtigen Kanäle zu finden. Die Menschen interessieren sich für ihr Essen. Aber die institutionalisierte Ernährungsberatung braucht ein neues Gewand. Sie muss mithalten können mit den vielen selbstberufenen Influencern, die auf YouTube vor einem Millionenpublikum ihren Lebensstil präsentieren, zu dem beispielsweise „zuckerfreie“ Smoothies mit Honig gehören.

Dr. Sabine Bonneck