Entomophagie: Überbewertet und gruselig?

Vortrag bei der Food for Future-Konferenz in Köln

Als ich das erste Mal von Entomophagie gehört habe, war ich wirklich begeistert. Doch je intensiver ich mich mit dem Thema beschäftige, desto skeptischer werde ich.

Wilhelm Busch @ wikipedia

In der westlichen Welt haben wir sogar eine Entomophagie-Tradition. Unsere Vorfahren haben noch vor weniger als 200 Jahren regelmäßig Maikäfer gegessen. Entweder in der Suppe mit etwa 30 Käfern pro Portion oder kandiert als Dessert. Aber dann änderte sich die Wahrnehmung. Auf einmal galten Insekten als Nahrung für Arme oder für Notfallsituationen, nachdem die Menschen sie in den Zeiten des ersten Weltkrieges aus Not gegessen haben, weil sie sonst zu verhungern drohten. Essbare Insekten gerieten in Vergessenheit und sind inzwischen fremd für uns geworden.

Seit einigen Jahren sind wir auf der Suche nach neuen, ressourcenschonenden Quellen für tierische Proteine und fangen langsam an, uns wieder für Insekten zu interessieren. Wissenschaftlich scheint nichts gegen Entomophagie zu sprechen: Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung bezeichnet Entomophagie als nachhaltig, umweltfreundlich und ethisch gerechtfertigt. Im Wesentlichen dreht sich die öffentliche Diskussion um zwei Fragen: Wie können wir die Produktion steigern? Und wie können wir Insekten für Verbraucher attraktiver machen? Denn die reagieren bisher noch sehr zurückhaltend.

Offene Fragen

Bevor wir nun im großen Stil in die Produktion von Insekten einsteigen, sind aus meiner Sicht noch mehr Fragen zu klären:

1. Sind Insekten gut für unsere Gesundsheit?
2. Haben Insekten einen großen Nährwert?
3. Ist die Entomophagie nachhaltig?
4. Wie sieht es mit Tierschutz aus?

Die mikrobiologischen und lebensmittelchemischen Risiken der Entomophagie sind noch nicht vollständig erforscht. Bekannt ist, dass Menschen mit Allergien gegen Meeresfrüchte auch gegen Insekten allergisch reagieren können. Und die Beschäftigten in der Insektenproduktion werden früher oder später eine solche Allergie entwickeln. Laut einer kleinen Studie der Universität Wisconsin-Madison wirkt sich der regelmäßige Verzehr von Heuschrecken positiv auf die nützlichen Bakterien im Darm aus und trägt zu einer Verminderung der Entzündungstätigkeit im Körper bei.

Ernährungswissenschaftler weisen regelmäßig darauf hin, dass Insekten viel Protein und wertvolles Fett enthalten. Der Verzehr von Insekten stellt möglicherweise eine bessere Versorgung mit Eisen sicher als der Verzehr eines Steaks. Laut einer dänischen Studie ist das Eiweiß von Insekten allerdings nicht geeignet, um Muskeln aufzubauen.

Ist Entomophagie nachhaltig?

Entomophagie ist nachhaltig, wenn man die Produktion der Insekten mit der Zucht von Rindern oder Schweinen vergleicht. Derzeit verwenden wir eine Fläche für Massentierhaltung und den Anbau von Tierfutter, die zusammengenommen so groß ist wie der gesamte amerikanische Kontinent. Ein Rind braucht 8 bis 10 kg Futter, um ein Kilogramm Körpergewicht zuzulegen, ein Schwein 5 kg Futter. Insekten brauchen sowohl weniger Futter als auch weniger Platz als Rind und Schwein. Aber nicht im Vergleich zu Hühnern in der konventionellen Tierhaltung.

Immer wieder wird die Idee ins Spiel gebracht, man könne Lebensmittelabfälle an Insekten verfüttern. Was das für die Sicherheit der Lebensmittel bedeutet, die später aus den Insekten hergestellt werden sollen, wird noch erforscht. Und auch sonst ist fraglich, ob man hier „zwei Fliegen mit einer Klappe“ schlägt: Lebensmittelabfälle werden wahrscheinlich nicht von so hoher Qualität sein wie das Hochleistungsfutter, das Tiere normalerweise in der Massentierhaltung bekommen. Ziel dieser Tierzucht ist schließlich, dass die Tiere so schnell wie möglich wachsen und an Gewicht zulegen, damit sie so bald wie möglich geschlachtet werden können. Füttert man minderwertiges Futter, verlängert das die Produktionszyklen, und zusätzliche Ressourcen müssen in die Insektenzucht gesteckt werden.

Gilt Tierschutz auch für Insekten?

Und wie steht es um den Tierschutz? Haben Insekten Rechte? Kann es sein, dass wir irgendwelche moralischen oder ethischen Verpflichtungen gegenüber Insekten haben? Die meisten Tiere auf der Welt sind wirbellos, trotzdem hat sich die Forschung bisher ganz überwiegend mit Wirbeltieren beschäftigt. Wir wissen also nur wenig über Insekten. Immerhin so viel, dass die Forschung eine klare Empfehlung ausspricht: Wir sollten auf jeden Fall einkalkulieren, dass zumindest bestimmte Arten von Insekten Leiden oder Schmerzen empfinden können. Natürlich wissen wir bisher nichts darüber, ob Insekten die Bedingungen in der Massenproduktion wahrnehmen können. Aber die nicht vorhandene Evidenz bedeutet nicht, dass Insekten diese Fähigkeit nicht haben.

Fazit

Bisher sieht es so aus, als ob der Verzehr von Insekten für die meisten Menschen gesund ist. Trotzdem sind in Bezug auf den gesundheitlichen Nutzen der Entomophagie und den Nährwert der Insekten noch Forschungsfragen offen.

Bevor wir in großem Stil in die Produktion von Insekten einsteigen, sollten wir klären, ob sie wirklich nachhaltig ist. Wenn sich herausstellt, dass die konventionelle Zucht von Geflügel kaum mehr Ressourcen benötigt, stellt sich die Frage, ob wir die Entomophagie wirklich brauchen. Zumal bisher völlig unklar ist, ob und wann Verbraucher sich mit der Entomophagie anfreunden werden. Hier liegt noch viel Arbeit vor den Marketing-Spezialisten.

(c) PETA

Die meisten von uns ekeln sich vor Insekten. Allerdings schaffen wir es schon nicht, mit sympathischeren Tieren in der Massentierhaltung besser umzugehen. Ständig kommen Berichte über die unsäglichen Zustände in der Massentierhaltung an die Öffentlichkeit. Zuletzt meldeten Verbraucherschützer, dass jedes 4. Produkt tierischen Ursprungs, zum Beispiel Eier, Milch und Schnitzel von kranken Tieren stammt. Die Tiere sind krank, weil sie in der Massentierhaltung so schlecht behandelt werden. Ich frage mich, ob wir Insekten besser behandeln werden. Tatsächlich befürchte ich, dass wir eine zusätzliche Spezies leiden lassen werden, um unseren Konsum tierischen Proteins auf einem höchstmöglichen Niveau zu halten.

Ich meine, dass Entomophagie überbewertet ist, weil weniger nachhaltig als zumeist behauptet. Und wenn ich an die Zustände in der Massentierhaltung denke, wird es für mich gruselig…

 

 

Dr. Sabine Bonneck