Food Safety Conference 2018 | © Dr. Sabine Bonneck

Food Safety im Schatten des Brexits

Britischer Lebensmittelsektor steht vor Umbruch

Mit technischen und politischen Aspekten der Lebensmittelsicherheit beschäftigten sich die Redner bei der Food Safety Conference am 21. Juni 2018 in Birmingham. Der immer näher rückende Brexit stand dabei im Fokus. Sue Davis von der Verbraucherschutzorganisation Which? präsentierte Umfrageergebnisse, wonach die Briten die hohen EU-Standards für Lebensmittel beibehalten wollen. Dabei sind sie zuversichtlich, dass dies trotz des Brexits gelingen wird. Inwieweit sich der Brexit auf Art und Ausmaß des Lebensmittelbetruges auswirken wird, vermochte Andy Morling, Leiter der soeben mit zusätzlichen Mitteln ausgestatteten National Food Crime Unit (NFCU) bei der Food Standards Agency (FSA), noch nicht einzuschätzen. Mit seiner in der internationalen Behördenlandschaft einzigartigen Abteilung sieht er Großbritannien weltweit führend im Kampf gegen Lebensmittelbetrug. Trotzdem ist er nicht zufrieden, weil die Lebensmittelhersteller nicht ausreichend kooperieren.

Highway to Health

Die britische Regierung investiert auch verstärkt in die Forschung. Mark Webber berichtete über die neue Abteilung, die das Quadram Institut demnächst in Norwich eröffnen wird. Wir werden immer älter, und die Frage ist, wie wir auch im Alter möglichst gesund bleiben und uns eine hohe Lebensqualität bewahren können. Im modernsten Forschungszentrum des Königreiches wird in der Schnittstelle zwischen Lebensmittelwissenschaft, Darmbiologie und Gesundheit geforscht, um den „Highway to Health“ zu finden.

Blockchain: Die große Unbekannte

Rod Addy, Chefredakteur der Food Manufacture und Gastgeber der Tagung, stellte Ergebnisse von Leserumfragen vor. Die Mehrheit der Leser, im Wesentlichen Entscheider der Lebensmittelindustrie, sieht sich gewappnet für den Fall eines Produktrückrufs, und gibt an, bei der Prävention keine Kompromisse zugunsten von finanziellen Gewinnen oder Zeitersparnissen zu machen. Mehr als zwei Drittel der Befragten schätzen Lebensmittelbetrug als zunehmendes Problem in Großbritannien ein. Nur eine Minderheit glaubt, dass Blockchain-Technologie helfen kann, Standards der Lebensmittelsicherheit einzuhalten. Das heißt nicht, dass man Blockchain gegenüber skeptisch wäre – die Hälfte der Befragten kann den Nutzen von Blockchain noch nicht beurteilen. Hohes Ansehen genießt die NFCU bei den Lesern der Food Manufacture. Würde ihr Unternehmen der Spezialeinheit einen Vorfall melden, würde sich die Mehrheit keine Sorgen machen, dass die NFCU nicht ihre Anonymität wahrte.

Auswirkungen des Brexit

Mit rechtlichen Aspekten im Zusammenhang mit dem Brexit beschäftigte sich Nils Bing, Partner bei der Rechtsanwaltsgesellschaft DWF. Er benannte die Verfügbarkeit von Arbeitskräften, neue Regulierungen sowie Grenzkontrollen als die drei wichtigsten Problembereiche. 40 % der Beschäftigten in der Lebensmittelindustrie kommen aus dem übrigen Europa. Viele Menschen verlassen schon jetzt das Königreich, weil sie sich nach dem Votum für den Brexit nicht mehr willkommen fühlen. Womöglich ist das erst der Anfang einer größeren Abwanderungswelle: Experten schätzen, dass bald nicht mehr genügend Arbeitskräfte in der Lebensmittelbranche sowie in Hotellerie und Gastronomie verfügbar sein werden.

95 % der gesetzlichen Regelungen im Lebensmittelbereich kommen aus Brüssel. Nach dem Brexit müssen die Briten Ersatz für rund 7.000 Vorschriften gefunden haben. Konkret bedeutet das, dass sie jede einzelne Vorschrift durcharbeiten, neu aushandeln und verabschieden müssen, was in Anbetracht des knappen Zeithorizonts kaum machbar ist. Bings hält es für realistischer, ein Gesetz zu verabschieden, laut dem die bisherigen Regelungen zunächst unverändert weitergeführt werden. So könne man sich ausreichend Zeit verschaffen, um alle Vorschriften zu überprüfen, gegebenenfalls zu modifizieren und in ein Post-Brexit-Recht zu überführen.

Abstriche an Grenzkontrollen unvermeidlich

Weit oben auf der Agenda steht außerdem die zukünftige Organisation der Grenzkontrollen. Bings führte als Beispiel den Grenzverkehr mit Irland an, dem wichtigsten Handelspartner der Briten. Lkw’s die hintereinander aufgereiht eine 6 km lange Schlange bilden würden, passieren jeden Tag die Grenze zum kleinen Nachbarn. Diese müssten demnächst kontrolliert werden. Welcher Aufwand hierdurch entstehen würde, illustrierte Bings am Beispiel des Grenzübergangs in Dover. Wenn hier pro Lkw nur 2 Minuten zusätzlich für Kontrollen aufgewandt würden, entstünde binnen 12 Stunden ein Stau von knapp 30 Kilometern. Produkte tierischer Herkunft können ohnehin nur an bestimmten Eingangsorten kontrolliert werden. Bings hält die Reduktion der Kontrollen für eine realistische Option, denn die Briten werden es kaum schaffen, jedes importierte Lebensmittel zu überprüfen.

Unverändert können die vertraglichen Beziehungen zwischen Großbritannien und Südkorea sowie Kanada weitergeführt werden. Alle anderen Beziehungen, auch die zu den mit der EU assoziierten Ländern, wie Schweiz, Norwegen und Island, müssen die Briten neu aushandeln, bevor sie ab 2020 Drittland werden.

Management von Allergenen wird komplexer

Den hohen Stellenwert, den das Management von Allergenen für die Hersteller von Lebensmitteln hat, erläuterte Barbara Hirst von Reading Scientific Ltd. Teile der Bevölkerung  sind allergisch gegen bestimmte Bestandteile eines Produktes, z. B. Gluten oder Erdnüsse. Pro Jahr sterben in Großbritannien zehn Menschen an ihren allergischen Reaktionen nach dem Verzehr eines Lebensmittels, 5.000 Menschen müssen stationär behandelt werden. Hirst berichtete von einer Zunahme der „free from“-Produkte. Grund sei aber nicht die gestiegene Prävalenz von Allergien, sondern Lifestyle-Entscheidungen, an denen die Menschen ihr Ernährungsverhalten immer stärker ausrichten.

In der EU ist es Pflicht, 14 Allergene zu kennzeichnen. Die falsche Kennzeichnung von Allergenen führt zu einem beträchtlichen Anteil an Rückrufen. Beispielsweise musste ein Hersteller seine Cashewnuss-Creme zurückholen, weil diese nicht nur „Spuren“ von Erdnüssen und Sesam, sondern deutlich größere Mengen enthielt. Im Durchschnitt entstehen pro Rückruf Kosten in Höhe von 650.000 bis 1 Mio. GBP. Für die Hersteller wird es immer aufwändiger, ihr Sortiment an „free from“-Produkten zu managen. Sie brauchen für die Herstellung geeignete Produktionsstätten und müssen z. B. darauf achten, dass sie Labore auswählen, die für die in Rede stehenden Analysen ausgestattet sind.

Blockchain erleichtert Rückverfolgbarkeit

Loretis Alisauskas von IBM versuchte mit seinem Vortrag, mehr Klarheit in das Thema Blockchain zu bringen. Blockchain bedeutet demnach, dass alle Beteiligten Daten in einen gemeinsamen Datenbestand einspeisen. Mithilfe von Blockchain lassen sich dann Lieferketten zurückverfolgen. Am Beispiel von Walmart illustrierte Alisauskas, dass es die Supermarktkette auf dem herkömmlichen Weg, also auf der Basis einer Mischung aus digitalen Daten und Dokumenten in Papierform, knapp 7 Tage kostet, um eine einzelne Mango einem bestimmten Bauern zuzuordnen. Mithilfe von Blockchain geht das innerhalb von 2,2 Sekunden.

Blockchain bringt nicht nur einen Nutzen für alle Stationen in der Lieferkette, sondern auch für die öffentliche Gesundheit. Beispielsweise dauerte es mehr als 6 Jahre, um den einen Lieferanten ausfindig zu machen, der an einem bestimmten Tag im Jahr 2006 eine Charge Spinat ausgeliefert hat. Der Spinat war mit E.coli kontaminiert, wurde in verschiedene Teile der Vereinigten Staaten ausgeliefert und führte zu drei Todesfällen. Solche Vorfälle ließen sich in Zukunft leichter aufklären.

Industrie-Netzwerk ermittelt Risiken für Lieferketten

Richard Barnes vom Fleischproduzenten ABP präsentierte schließlich noch das Food Industry Information Network (FIIN). FIIN ist ein Zusammenschluss von bisher 31 Unternehmen, die seit dem Jahr 2015 in anonymisierter Form Analysedaten austauschen. Die Auswertung dieser Daten erlaubt kurzfristige Rückschlüsse auf Risiken für die Lieferkette. Wenn beispielsweise ein Hersteller von Fertiggerichten feststellt, dass ein bestimmtes Gewürz besonders häufig verfälscht wird, können die anderen Mitglieder im Netzwerk, die Gewürze importieren, sofort reagieren und ihre Lieferkette strenger kontrollieren. Dank der umfangreichen Datenbasis hat das Netzwerk einen umfassenden Überblick über die relevanten Bedrohungen, und eine Arbeitsgruppe erarbeitet Vorschläge, um die Gefahren hieraus zu reduzieren.

Umbruch nur mit Kooperation erfolgreich zu bewerkstelligen

Das Resümee zur Konferenz zog der Moderator Steven Walker, Direktor von Campden BRI. Lebensmittelsicherheit ist ein wichtiges Thema, und alle Beteiligten müssen versuchen, auf dem Laufenden zu bleiben. Gerade in diesen Zeiten, wo der britische Lebensmittelsektor vor einem gravierenden Umbruch steht. Veranstaltungen wie diese Konferenz hält Walker für wichtig, damit sich die Beteiligten regelmäßig austauschen und bewusst werden können, dass sie dieselbe Agenda verfolgen und zur Erreichung der Ziele verstärkt zusammenarbeiten sollten. Kein einzelnes Unternehmen kann den anstehenden Umbruch alleine bewältigen.

Dr. Sabine Bonneck