Überlegungen zur Entomophagie

Vortrag beim Asset2018 in Belfast

Entomophagie hat Tradition

Hätten Sie gewusst, dass unsere Vorfahren im späten 19. Jahrhundert regelmäßig Maikäfer verspeist haben? Zumindest in Deutschland und in Frankreich. Entweder in der Suppe, mit etwa 30 Käfern pro Portion. Oder kandiert als Dessert. Aber plötzlich änderte sich die Wahrnehmung. Im ersten Weltkrieg hatten die Menschen Hunger und mussten Insekten essen, um zu überleben. So wurden Insekten zum Nahrungsmittel für Notsituationen und für arme Leute. Heute sind Insekten nicht billiger als Fleisch. Es gibt sogar richtig teure Spezialitäten, wie Escamole, die Larven bestimmter Ameisen, die die Mexikaner besonders schätzen.

Entomophagie gibt es schon seit Menschengedenken. Heute essen etwa 2 Milliarden Menschen weltweit etwa 2.000 verschiedene Insektenarten. Wir (noch) nicht. Aber auch in der westlichen Welt setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass wir unseren Fleischkonsum reduzieren müssen. Schon längst sind wir auf der Suche nach alternativen Quellen für unsere Versorgung mit tierischem Eiweiß, und so interessieren wir uns zunehmend auch für Insekten. Die ersten Start-ups für Insekten als Lebensmittel und als Tierfutter sind schon am Markt.

Öffentliche Diskussion

Die öffentliche Diskussion dreht sich im Wesentlichen bisher um zwei Fragen. Wie kann die Produktion von Insekten erweitert werden? Wenn Insekten zu unserer Proteinversorgung beitragen sollen, sind ungeheure Mengen nötig, die bisher noch nicht effizient produziert werden können. Und wie kann der Verzehr von Insekten sozial akzeptabel gestaltet werden? Bisher zeigen sich die Verbraucher in der westlichen Welt nämlich noch äußerst zurückhaltend. Es gibt aber noch mehr Fragen, die beantwortet werden sollten, um die Rahmenbedingungen für die industrielle Zucht von Insekten zu definieren.

Improving Diet Quality @ Asset2018. Panel with Jayne Woodside, Sabine Bonneck, Barbara Bray and Yanni Papanikolaou, chaired by Cliodhna Foley-Nolan | © Dr. Sabine Bonneck
Improving Diet Quality @ Asset2018. Panel mit Jayne Woodside, Sabine Bonneck, Barbara Bray und Yanni Papanikolaou, moderiert von Cliodhna Foley-Nolan | © Dr. Sabine Bonneck

Offene Fragen

Ist es für Menschen gesund, Insekten zu essen? Die mikrobiologischen und chemischen Risiken der Entomophagie sind noch nicht umfassend geklärt. Bekannt ist, dass Menschen mit Allergien gegen Schalentiere auch auf Insekten allergisch reagieren.

Welchen Nährwert haben Insekten? Insekten enthalten nicht nur Protein, sondern auch Fett, und zwar in einer Zusammensetzung, die Ernährungswissenschaftler als vergleichsweise wertvoll ansehen. In Anbetracht der Vielzahl von Insekten ist nicht überraschend, dass sie sich hinsichtlich ihres Protein- und Fettgehaltes beträchtlich unterscheiden. Eine dänische Studie liefert außerdem einen Hinweis darauf, dass das Eiweiß von Insekten möglicherweise nicht gut geeignet ist, um Muskeln aufzubauen.

Ist die Entomophagie nachhaltig? Gegenwärtig nutzen wir eine Fläche, die so groß ist, wie der gesamte amerikanische Kontinent, für die Massentierhaltung und die Produktion von Tierfutter. Insekten leben dicht gedrängt beieinander, brauchen also nur wenig Platz. Sie kommen auch mit vergleichsweise wenig Futter aus. Ein Rind frisst 8 bis 10 kg Futter, um 1 kg Körpergewicht zuzulegen. Ein Schwein benötigt 5 kg, während Insekten mit 2 kg auskommen. Zwar gibt es noch nicht viele Erfahrungswerte, aber die vorhandenen Daten deuten darauf hin, dass Entomophagie nachhaltig ist.

Wie steht es um das Tierwohl?

Wollen wir Tierschutzgedanken auch für Insekten gelten lassen? Haben wir möglicherweise sogar moralische oder ethische Verpflichtungen gegenüber Insekten?

Die Forschung beschäftigt sich bisher ganz überwiegend mit Wirbeltieren. Dabei sind die meisten Tiere auf der Welt wirbellos. Die Datenlage ist also dünn, und wir wissen nur wenig darüber, ob Insekten Leid oder Schmerz empfinden können. Aus den wenigen existierenden Forschungsergebnissen leiten die Forscher die Empfehlung ab, dass wir die Möglichkeit sehr wohl einkalkulieren sollten, dass zumindest bestimmte Insektenarten ein Leidens- bzw. Schmerzempfinden haben.

Die westliche Gesetzgebung zum Tierschutz basiert auf den 5 Freiheiten für Tiere. Danach bedeutet Tierwohl die Freiheit von

  • Hunger und Durst,
  • Unannehmlichkeiten
  • Schmerzen, Verletzungen und Krankheit
  • Angst und Stress
  • sowie die Freiheit, artgerechtes Verhalten an den Tag legen zu dürfen.

Für Insekten lassen sich die Freiheiten derart interpretieren, dass sie genügend Futter in adäquater Qualität bekommen, dass ihre natürlichen Lebensumstände in den Zuchteinrichtungen weitgehend nachgebildet werden und dass sie keinem Stress ausgesetzt und auf schonende Weise getötet werden.

Fazit

Die meisten von uns ekeln sich vor Insekten. Schon sympathischere Tiere, wie Rinder und Schweine, behandeln wir nicht mit Respekt und Würde. Regelmäßig kommen verstörende Berichte über unerträgliche Zustände in der Massentierhaltung an die Öffentlichkeit. Es stellt sich daher die Frage, ob wir mit Insekten besser umgehen würden. Zu befürchten steht, dass wir eine weitere Spezies leiden lassen werden, um unsere Versorgung mit tierischem Eiweiß auf einem möglichst hohen Niveau zu halten.

Dr. Sabine Bonneck