Fleischatlas | © Imageman @ Shutterstock

Fleischatlas: Kennzeichnung nach Tierwohlkriterien ist möglich

Beeindruckende Zahlen und Fakten zur Massentierhaltung

 Vierter Fleischatlas veröffentlicht

Fleischatlas 2018 | © Heinrich-Böll-Stiftung
Fleischatlas 2018 | © Heinrich-Böll-Stiftung

Zum vierten Mal haben die Heinrich-Böll-Stiftung und der BUND in Zusammenarbeit mit Le Monde diplomatique einen „Fleischatlas“ veröffentlicht. Wer sich bereits mit dem Thema beschäftigt hat, der weiß, dass unser Fleischkonsum zu hoch ist. Der Bericht untermauert dies mit eindrucksvollen Zahlen und Fakten, außerdem enthält er Vorschläge zur Beseitigung der Missstände, die die Fleischproduktion hervorruft.

Schon jetzt benötigt die Fleischproduktion 77 % des globalen Agrarlandes, deckt aber nur 17 % des Kalorienbedarfs der Menschheit ab. Experten erwarten, dass die Weltbevölkerung bis 2050 um 85 % wachsen wird. Wenn die Fleischproduktion mitwächst, wird keines der globalen Entwicklungsziele eingehalten: Es wird keine oder nur zu geringe Verbesserungen geben in Bezug auf Armut und Hunger, Klima, Biodiversität, Schutz der Meere und nachhaltige Nutzung der Böden.

Dramatische Auswirkungen der Fleischproduktion auf das Klima

Die dramatischen Auswirkungen der Fleischproduktion auf das Klima sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt: Die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne emittieren mehr klimaschädliche Gase als der Ölkonzern Exxon. Grund dafür sind weniger die Rinder, die während des Verdauungsprozesses Methan ausstoßen. Größeren Schaden richten Menschen an: Die 20 größten Produzenten von Futtermitteln verursachen mehr Emissionen als Deutschland, die weltweit viertgrößte Industrienation.

Missstände in der Massentierhaltung

Der Öffentlichkeit schon eher bekannt sind Missstände in der Massentierhaltung. Wenngleich wahrscheinlich nicht im tatsächlichen Ausmaß: 80 % aller Mastschweine sind verletzt oder an den Atemwegen erkrankt. Zwei Drittel der Masthühner leiden unter veränderten Fußballen oder Kahlstellen wegen Federpickens. Bei 38 % aller Milchkühe sind die Euter entzündet. Die Zahlen gelten für die konventionelle Tierzucht, in der biologischen Landwirtschaft sind sie niedriger. Tierschutz ist als Staatsziel in der Verfassung niedergelegt, und so wäre es legitim, den Zustand der Tiere vor der Schlachtung zu begutachten. Wenn die Tiere eines Halters besonders oft krank oder verletzt sind, könnte die Lebensmittelüberwachung ihm Strafzahlungen auferlegen.

Vorschläge zur Verbesserung des Tierwohls liegen vor

In Umfragen erklärt eine große Mehrheit der Befragten regelmäßig, dass sie bereit wären, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn die Tiere unter besseren Bedingungen gehalten würden. Und ebenfalls große Mehrheiten der Befragten sprechen sich immer wieder für die Einführung einer Kennzeichnung aus, so dass die Haltungsbedingungen für die Verbraucher besser erkennbar werden. Es gibt bereits Vorschläge für freiwillige Labels. Transparenz kann aber nur eine verbindliche staatliche Kennzeichnung schaffen. Abstufungen könnten den Platz berücksichtigen, der den Tieren zur Verfügung steht, den Auslauf und die Art des Futters. Die Abstufungen können vier Stufen umfassen, die bei den gesetzlichen Mindestanforderungen anfangen und über einen verbesserten und einen Premiumstandard bis hin zu Bioqualität reichen. Eine derart differenzierte Kennzeichnung würde auch Vorteile für Landwirte bringen. Die haben bisher keine Vorteile bei der Vermarktung ihrer Produkte, wenn sie über den gesetzlichen Mindestanforderungen liegen, aber nicht Bioqualität erreichen.

Auch der Lebensmitteleinzelhandel kann zur Verbesserung des Tierwohls beitragen. Fast ein Viertel des Schweine- und Rindfleischs wird als Sonderangebot verkauft. Angesichts der niedrigen Preise ist den Verbrauchern der wahre Wert von Fleisch kaum zu vermitteln. Bisher machen bestenfalls einzelne Handelsketten den Zulieferern Vorgaben, etwa derart, dass man keine Eier von Hühnern mit gekürzten Schnäbeln mehr in den Verkauf nimmt. Viel wäre gewonnen, wenn die Ketten koordiniert vorgehen würden. Sie könnten auf extreme Sonderangebote verzichten, und mehr Wirkung hätte es, wenn nicht nur eine, sondern alle großen Ketten die Eier von Hühnern mit gekürzten Schnäbeln nicht mehr verkaufen würden.

Wie kann der Fleischkonsum reduziert werden?

Obwohl in Deutschland immer mehr Menschen kein oder weniger Fleisch essen, sinkt der gesamte Verbrauch nur unwesentlich. Offensichtlich erhöhen zugleich andere Menschen ihren Fleischkonsum, unter anderem aufgrund von Trends, wie Wintergrillen oder Paleo-Diät.

Was kann getan werden, um den Fleischkonsum zu reduzieren? Von staatlicher Seite gibt es bisher keine Initiativen, auch nicht zur Unterstützung der DGE, die empfiehlt, den Fleischkonsum alleine aus gesundheitlichen Gründen zu halbieren. Dabei gibt es eine ganze Palette von Instrumenten, etwa die Ausrichtung von Kantinen auf fleischarmes Essen oder Verbote von „XXL-Schnitzeln“ in Restaurants. Der Einsatz von monetären Anreizen im Zusammenhang mit Fleisch hingegen ist schwierig: Die öffentliche Hand könnte fleischfreie Lebensmittel oder Mahlzeiten subventionieren. Die Subventionen müssten aber hoch sein, um zu wirken. Der Einsatz dieses Instruments wäre also sehr teuer. Die Einführung einer Steuer bzw. die Anwendung des regulären Steuersatzes von 19 % auf Fleisch brächte dem Staat hingegen Einnahmen. Allerdings wäre zu befürchten, dass die Käufer auf billiges (und fettes) Fleisch ausweichen und noch weniger bereit wären als jetzt, höhere Preise für die Einhaltung von Tierwohlstandards zu bezahlen.

Sind Probleme rund um das Fleisch aus dem Labor lösbar?

Nicht jeder will auf tierisches Eiweiß verzichten, und so ist die Suche nach Ersatz schon längst in vollem Gange. Fleisch aus Bioreaktoren soll nach Angaben der Unternehmen schon bald serienreif sein. Ob seine Herstellung ressourcenschonend ist, ist noch zu zeigen. Möglicherweise liegt der Energieverbrauch der Brutstätten über dem der klassischen Tierzucht. Antibiotika braucht man auch im Labor, denn künstliches Fleisch kann genauso wie echtes kontaminiert werden. Schließlich gibt es noch das Problem mit dem Nährmedium, in dem das Fleisch wächst. Am besten eignet sich ein Kälberserum, das die Züchter aus Föten gewinnen. Hierfür schlachtet man tragende Kühe im letzten Schwangerschaftsdrittel. Es ist anzunehmen, dass die Föten dann schon so weit gereift sind, dass auch sie Leid empfinden.

Zukunftsweisend: Insekten als Proteinlieferanten

Eine in jeder Hinsicht sinnvolle Alternative sind Insekten. Etwa 1.900 verschiedene Krabbeltiere werden wahrscheinlich seit Menschengedenken in weiten Teilen der Welt verspeist – nur nicht in den westlichen Industrienationen. Insekten liefern viel hochwertiges Protein und ihre Züchtung ist ressourcenschonend. Die Züchter können sowohl bei der Haltung als auch bei ihrer Tötung durch Einfrieren dem Tierwohl gerecht werden. Seit Mitte 2017 sind insektenbasierte Produkte in der Schweiz im Supermarkt zu kaufen. Auch in Belgien und in den Niederlanden haben die Verbraucher schon Erfahrungen damit machen können. Seitdem erreicht das Thema eine breitere Öffentlichkeit. Ab 2018 wird das Vorgehen in Europa aufgrund der neuen Novel-Foods-Verordnung einheitlicher werden, und insektenhaltige Produkte werden sicher auch bald in deutschen Supermarktregalen liegen.

Umweltschäden durch Stickstoffdünger

Fleisch ist zu billig, gemessen an den Schäden, die die Tierhaltung an Umwelt und Klima verursacht. Diese Kosten könnten besser in die Kalkulation einfließen, wenn der Staat Abgaben auf die Produktionsbedingungen erheben würde. So ist der Eintrag von Stickstoff in den Boden Ergebnis des intensiven Düngens der Ackerflächen und eines der größten Umweltprobleme. Eine Abgabe auf Stickstoff könnte auf den Verkaufspreis von Düngemitteln erhoben werden. Agrarbetriebe hätten somit einen finanziellen Anreiz, Düngemittel sparsamer einzusetzen und durch organischen Dünger, also Mist oder Gülle, zu substituieren.

Der Stickstoff kann auch als Nitrat im Grundwasser landen. Deutschland überschreitet den von der EU vorgegebenen Grenzwert für Nitrat im Grundwasser an vielen Messstellen schon seit Jahren. Hier geht Dänemark mit gutem Beispiel voran: Obwohl die Tierzucht dort ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, konnten die Nitratgehalte im Grundwasser in den letzten zehn Jahren um die Hälfte gesenkt werden. Dabei ist die wichtigste Maßnahme, dass Betriebe verpflichtet sind, ihre Düngeplanung an den erwarteten Erträgen auszurichten und digital zu dokumentieren. Es darf also nur eine bestimmte Menge an Düngemitteln zum Einsatz kommen. Die Behörden kontrollieren die Betriebsdaten und sanktionieren Überschreitungen mit Strafzahlungen. Dieses Maßnahmenpaket war der Auslöser für eine umfangreiche technische Modernisierung bei den Bauern, die den Dünger mit modernen Maschinen inzwischen vergleichsweise effektiv in den Boden einarbeiten können.

Massenhafter Einsatz von Antibiotika wird zur Gefahr für den Menschen

Eine Vorreiterrolle nimmt Dänemark auch in Bezug auf den Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht ein. Weltweit bekommen Tiere doppelt so viele Antibiotika verabreicht wie Menschen, und Experten sind besorgt, weil zunehmend resistente Keime auftauchen. Die Dänen haben ebenso wie die Niederländer mit Erfolg eine nationale Reduktionsstrategie umgesetzt. In Deutschland müssen die Tierhalter zwar auch die Mengen eingesetzter Antibiotika melden. Aber hier werden nun vermehrt Reserveantibiotika eingesetzt. Reserveantibiotika sollen als Reserve vorgehalten werden für die Behandlung von Krankheiten beim Menschen, bei denen die üblichen Antibiotika nicht mehr anschlagen. Die WHO fordert, Reserveantibiotika in der Tierzucht zu verbieten, aber in Deutschland gibt es hierzu noch keine gesetzliche Regelung.

Drei Wege liegen auf der Hand, um die Nutzung von Antibiotika in der Tierzucht zu beschränken: Durch eine fiskalische Abgabe auf die Medikamente, durch eine drastische Reduzierung des Fleischkonsums und durch eine Steigerung des Bio-Anteils in der Fleischproduktion. Während der Nachweis von resistenten Keimen in konventionellen Tierzuchtbetrieben eher die Regel als die Ausnahme ist, kommen sie in Ökobetrieben kaum vor. Die Vorgaben der Anbauverbände erlauben die Gabe von Antibiotika nur in stark eingeschränktem Maße.

Diskussion um Fleischkonsum braucht mehr Öffentlichkeit

Der Fleischatlas benennt die Probleme, die aus der industriellen Fleischproduktion entstehen und präsentiert vielfältige Lösungsansätze. So lange es immer noch Bevölkerungsgruppen gibt, die mehr statt weniger Fleisch essen, hat die Diskussion noch nicht den Stellenwert in der Öffentlichkeit erreicht, der ihr in Anbetracht der gravierenden Folgen unseres Fleischkonsums zukommen sollte. Daher darf der Fleischatlas schon jetzt zu den wichtigsten Publikationen des noch jungen Jahres 2018 gezählt werden.

Eine leicht modifizierte und gekürzte Fassung des Artikels ist im Knackpunkt erschienen (Heft 2, April 2018, S. 17-19).

Dr. Sabine Bonneck