Lebensmittelbetrug Verbrauchererwartungen | © papillondream @ Shutterstock

Lebensmittelbetrug: Was erwarten die Verbraucher?

Umfrage in Großbritannien

Pferdefleischskandal als Meilenstein

Bis heute wirkt der Pferdefleischskandal von 2013 in Europa nach. Damals hatte die Lebensmittelüberwachung zuerst in Großbritannien und in Irland Pferdefleisch in Hamburgern und Lasagne gefunden, kurze Zeit später auch in Deutschland. Recherchen ergaben, dass, koordiniert über die Niederlande, als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch aus Rumänien nach ganz Europa gelangt war (s. Abbildung).

Der Pferdefleischskandal in Europa | © FAZ
Der Pferdefleischskandal in Europa | © FAZ

Das Besondere war nicht, dass die menschliche Gesundheit gefährdet gewesen wäre. Der Skandal hat aber offengelegt, wie komplex die Produktionskette für Fertigprodukte inzwischen ist. Und es wurde deutlich, dass an jeder Station für Sicherheit zu sorgen ist.

Die EU-Kommission setzte Lebensmittelbetrug ganz nach oben auf die Agenda, richtete ein Netzwerk von Lebensmittelexperten ein und empfahl besondere Überwachungsprogramme für Honig, Fisch und Pferdefleisch. Auch bei Herstellern von Lebensmitteln ist es zu einem Umdenken gekommen. Lebensmittelbetrug verursacht Kosten und führt zu Imageschäden. Viele Hersteller erkennen, dass es nicht mehr ausreicht, lediglich auf Vorkommnisse zu reagieren. Sie beginnen zunehmend, die Gefährdung des eigenen Unternehmens bzw. der eigenen Produkte zu analysieren, um sich gegen Lebensmittelbetrug zu schützen. Und was denken die Verbraucher über das Thema?

Das Beratungsunternehmen Crowe Clark Whitehall hat 1.129 Briten zwischen 16 und 75 Jahren nach ihrer Meinung befragt und die Ergebnisse im Januar 2018 veröffentlicht. Vor allem wünschen sich Verbraucher mehr Transparenz, d. h. die Hersteller könnten durch transparenteres Vorgehen das Vertrauen der Verbraucher erhöhen.

Verbraucher erwarten von Herstellern frühzeitige Information der Behörden

Wenn von einem Lebensmittelbetrug gesundheitliche Auswirkungen zu befürchten sind, erwarten 64 % der Verbraucher, dass die Hersteller ihre Informationen mit den Behörden teilen. 49 % erwarten dies auch dann, wenn der Vorfall zu finanziellen Verlusten führen kann. 35 % wollen die Behörden informiert sehen, wenn der Vorfall finanzielle Verluste für die betroffene oder eine andere Branche mit sich bringen kann.

42 % der Verbraucher befürworten, dass die Hersteller schon im Verdachtsfall mit den Behörden in Kontakt treten. Lebensmittelbetrug ist im Einzelfall möglicherweise schwierig nachzuweisen, oftmals sind die betroffenen Produkte schon längst verzehrt. Es würde ein Informationsverlust bedeuten, wenn die Hersteller nur in nachgewiesenen Fällen Informationen an die Behörden weiterleiten. Die Behörden brauchen so viele Informationen über Lebensmittelbetrug wie möglich. Dem Verbraucherschutz würde besser Rechnung getragen, ebenso den Erwartungen der Verbraucher. Der Informationsaustausch ist ein Gewinn für alle – außer für die Betrüger.

Verbraucher erwarten von Herstellern ausführlichere Information der Behörden

Bisher geben die Hersteller von Lebensmitteln weniger Informationen preis, als die Verbraucher sich wünschen, wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht (76 %) oder finanzielle Verluste (55 %) zu befürchten sind. Bisher erfahren die Behörden, welches Produkt durch welche Art von Betrug betroffen ist und ggf. welche Abschnitte der Produktionskette betroffen sind. Normalerweise kann daraus nicht auf ein bestimmtes Unternehmen oder ein bestimmtes Produkt rückgeschlossen werden. Verbraucher wünschen sich aber, dass die Hersteller alle Informationen an Behörden weitergeben, also auch über das Produkt sowie beteiligte Unternehmen bzw. Personen, und zwar bereits im begründeten Verdachtsfall.

Betrugs-Monitoring als Unternehmensaufgabe

Effektive Betrugsbekämpfung verlangt, dass das Management Betrug wie jeden andere Geschäftsbereich auch behandelt. Das heißt, es gibt Mitarbeiter, die Vorgänge erfassen, überwachen und analysieren. Die Analyse der Daten führt zu Ergebnissen, konkret zu Veränderungen zum Schutz gegen Betrug. Wer nicht auf Ergebnisse hinarbeitet, kann nicht einschätzen, ob die Datensammlung und das Überwachen der Produktionskette die Resilienz stärkt oder die Kosten reduziert, die der Betrug verursacht. Das Monitoring stellt Daten zur Verfügung mit Informationen über Art und Ausmaß des Betruges und über Fortschritte bei seiner Bekämpfung.

Arten des Lebensmittelbetruges

Lebensmittelbetrug beschränkt sich nicht nur auf die Verfälschung eines Produktes oder falsche Herkunftsangaben. Darüber hinaus zählt zum Lebensmittelbetrug auch die Manipulation, d. h. falsche Angaben auf der Verpackung. Imitation bzw. Fälschung bedeutet, dass ein Produkt entweder sehr ähnlich nachgemacht bzw. kopiert wurde. Bisher gibt es allerdings kaum Ansätze, diese anderen Arten von Betrug systematisch zu überwachen. Dabei müssen die Hersteller also eine ganze Reihe von Maßnahmen ergreifen, um sich vor den verschiedenen Ausprägungen von Lebensmittelbetrug zu schützen.

80 % der Verbraucher meinen, dass die Hersteller verschiedene Arten von Betrug überwachen und darüber berichten sollten. Die Verbraucher erwarten, dass die Hersteller in der Lage sind, Informationen darüber zu sammeln, inwieweit Lebensmittelbetrug ihre Geschäftstätigkeit beeinträchtigt. Ohne derartige Informationen ist Prävention nicht möglich.

Kosten durch Lebensmittelbetrug

Lebensmittelbetrug verursacht Kosten. Unternehmen messen schon immer ihre Kosten, und wie bei allen anderen Kosten werden sie versuchen, diese zu reduzieren. In dieser Betrachtungsweise ist Lebensmittelbetrug als Kostenfaktor im Unternehmen noch relativ neu, das Ausmaß kann aber inzwischen bestimmt werden. Experten schätzen die Kosten im Durchschnitt auf 5,85 % des Umsatzes und gehen davon aus, dass die Unternehmen diese Kosten mit entsprechenden Maßnahmen innerhalb von zwei Jahren um 40 % reduzieren können.

Whistleblowing

Die meisten Betrüger kommen aus den Unternehmen selbst. Zur Verhinderung oder Aufklärung des Lebensmittelbetruges können Informationen von Insidern sehr hilfreich sein. Für die Unternehmen ist die Einrichtung von Hotlines für Whistleblower daher ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Lebensmittelbetrug. Whistleblowing bedeutet, dass ein Angestellter oder Vertragspartner über angenommenes Fehlverhalten berichtet und sich hierfür aus den normalen Abläufen hinausbewegt. Whistleblower können ihre Beobachtung an eine Stelle innerhalb des Unternehmens melden oder nach außen an Behörden.

Unternehmen mit einer klaren Anti-Betrugs-Kultur haben Whistleblowing-Systeme installiert und informieren Angestellte, Vertragspartner und Kunden darüber.

78 % der Verbraucher sprechen sich dafür aus, dass die Hersteller auch Informationen über Whistleblowing-Systeme verbreiten sollen, die die Behörden bereitstellen. 72 % würden es begrüßen, wenn die Hersteller solche Whistleblowing-Systeme auch finanziell unterstützen.

Verbrauchermeinung eröffnet neue Perspektive

Normalerweise verhandeln Behörden und Hersteller von Lebensmitteln ein Thema wie Lebensmittelbetrug. Crowe Clark Whitehall haben mit ihrer Umfrage eine neue Perspektive hinzugefügt. Die Akteure sollten die Bedeutung der Meinung der Verbraucher nicht unterschätzen. Denn nur wer Vertrauen hat, ist ein guter und treuer Kunde.

Dr. Sabine Bonneck