Bonner Ernährungstage | © Tobias Vollmer, BLE

Bonner Ernährungstage: Vom Wissen zum Handeln

Erstes Forum des neu gegründeten BZfE

19 Jahre lang veranstaltete der aid Infodienst e. V. jährlich Foren zu Themen der Ernährungskommunikation. Im September lud erstmals das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) ins Wissenschaftszentrum nach Bonn ein. Das BZfE ist eine Abteilung in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), in der seit diesem Jahr die Aktivitäten des ehemaligen aid mit den ernährungsbezogenen Aufgaben der BLE zusammengefasst sind. An das Forum schloss sich die Arbeitstagung der DGE an, beide Veranstaltungen wurden zu den „Bonner Ernährungstagen“ zusammengefasst.

Unter dem Titel „Vom Wissen zum Handeln“ diskutierten mehr als 600 Tagungsteilnehmer, wie den Menschen mehr Sicherheit im Umgang mit ihrer Ernährung vermittelt werden kann. Ziel ist es, das Ernährungsumfeld, einschließlich der Verpflegung in Kita und Schule, so zu gestalten, dass die gesunde Wahl die einfache Wahl wird. Dabei ist nicht strittig, dass Ernährungskommunikation eine staatliche Aufgabe ist. Die gesellschaftlichen Kosten für Übergewicht und damit verbundene Erkrankungen steigen immer weiter, und vielen Menschen fehlen wichtige Informationen über ihre Ernährung.

Veränderung des Ernährungsumfeldes als Ziel

Kommunikation und Information alleine genügen jedoch nicht, um die Menschen zu erreichen bzw. zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Um die Lebenswelten der Menschen in den Kommunikationsstrategien besser berücksichtigen zu können, hat das BZfE daher einen Ideenwettbewerb gestartet und bittet um Vorschläge, wie die Menschen leichter gesundheitsförderliche Entscheidungen bei der Auswahl, der Zubereitung und beim Verzehr von Lebensmitteln treffen könnten.

Steigende Prävalenz von Übergewicht und Diabetes Typ 2

Handlungsbedarf besteht zweifelsohne: Laut den vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus erhobenen Daten waren 2013 42,4 % der Männer zwischen 19 und 65 Jahren übergewichtig, bei Frauen liegt der Anteil bei 24,8 %. Männer sind nicht nur häufiger übergewichtig als Frauen, sondern sie werden auch früher dick: Schon im Alter von 30 bis 35 Jahren bringen sie zu viele Pfunde auf die Waage, während das bei Frauen eher ab 50 Jahren der Fall ist.

40 % der über 55-Jährigen sind Typ 2-Diabetiker oder insulinresistent. Studien zeigen, dass die Manifestation von Diabetes bei den meisten Menschen mit Übergewicht durch eine Veränderung des Lebensstils verhindert oder zumindest für viele Jahre hinausgezögert werden könnte. Dies korrespondiert mit weiteren Forschungsergebnissen, wonach Diabetes Typ 2 bei Patienten mit Adipositas schon in jungen Jahren manifest wird.

Ernährung in Deutschland ist nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch des sozioökonomischen Status: Je bildungsferner die Menschen sind, desto weniger Obst und Gemüse verzehren sie.

Änderung des Essverhaltens bedeutet Änderung des Lebensstils

Essen ist Gewohnheit: Gewohnheiten werden erlernt und können verändert werden. Durchschnittlich treffen wir pro Tag 200 Entscheidungen, die mit unserem Essen zusammenhängen. Dabei geht es vor allem um die Fragen, was wir wann essen, wie viel und wie schnell. Wollen wir unser Essverhalten verändern, bedeutet das nicht weniger, als 200 Entscheidungen dauerhaft anders zu treffen. Dies kommt einer spürbaren Veränderung des Lebensstils gleich und stellt für die meisten Menschen eine unüberwindbar scheinende Hürde dar. Die moderne Ernährungskommunikation versucht daher, Entscheidungsprozesse bewusst und unbewusst zu beeinflussen. Bewusst durch Information, unbewusst z. B. durch Nudging. So weiß man, dass die Menschen umso mehr essen, je größer die Portionen sind. Also kann man das Verhalten beeinflussen, indem in Kantinen kleinere Portionen ausgegeben werden. Oder man stellt in den Eingangsbereich der Essensausgabe die Salattheke, damit sich die Kantinenbesucher schon zu Beginn möglichst viel Salat auf den Teller füllen und umso weniger Platz für die kalorienhaltigen Sättigungsbeilagen verbleibt.

Kommunikation über Ernährung ist schwierig

Über Ernährung wird seit Menschengedenken kommuniziert. Heute stehen den Multiplikatoren neue Foren und Kanäle mit hoher Reichweite zur Verfügung, um ihre Deutung von ernährungsbezogenen Informationen zu verbreiten. Inzwischen existiert eine Vielzahl von Konzepten zu einer „gesunden Ernährung“, und es wird immer schwieriger, breite Bevölkerungskreise anzusprechen. Die Kommunikation über Ernährung ist auch deswegen schwierig, weil zwischen dem Verhalten und möglichen Auswirkungen normalerweise eine lange Zeitspanne liegt. Ursache und Wirkung können daher nur schwer miteinander in Verbindung gebracht werden.

Im schlechten Falle kann die Vermittlung von Informationen sogar zu Abwehrreaktionen führen. Menschen schützen sich vor Überforderung durch unangenehme Botschaften, indem sie ihnen aus dem Weg gehen, sich die Folgen eines gesundheitsschädlichen Handelns schönreden oder sogar aus Trotz genau das Gegenteil von dem machen, was der Sender der Botschaft bezweckt hatte.

Verhalten durch monetäre Anreize steuerbar

Verhaltensänderungen können auch über monetäre Anreize erzielt werden. In den letzten drei Jahren wurde in einigen Ländern und US-amerikanischen Städten eine Zuckersteuer auf Softdrinks eingeführt, in weiteren Ländern wird die Einführung dieser Maßnahme diskutiert. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sind Steuern geeignet, um Verhaltensänderungen herbeizuführen, und dies wird durch die WHO und auch durch erste Evaluierungen gestützt. Noch effizienter wäre es allerdings, den Zuckergehalt in Softdrinks zu reduzieren, denn dann gäbe es keine Ausweichmöglichkeiten mehr bzw. die Verbraucher müssten größere Mengen zuckerhaltiger Getränke trinken, um die unveränderte Menge Zucker zu sich zu nehmen. Grundsätzlich ist der Erfolg einzelner Maßnahmen immer begrenzt. Eher zielführend ist der Einsatz eines Maßnahmenbündels.

Die Frage blieb offen, inwieweit sich die Ergebnisse der ernährungswissenschaftlichen Forschung auf die Praxis übertragen lassen. Seit Jahrzehnten wird die Notwendigkeit diskutiert, das Übergewicht bei Kindern zu vermindern, ohne dass bisher ein Erfolg sichtbar wäre. Möglicherweise geht es bei der Bekämpfung von Übergewicht um nicht weniger als um einen gesellschaftlichen Wandel. Förderung und Erhalt der Gesundheit sollten einen weit größeren Stellenwert einnehmen als das bisher der Fall ist.

 

Dieser Beitrag ist in der Dezember-Ausgabe der Deutschen Lebensmittel-Rundschau erschienen (DLR, Bd. 113, Heft 12, S. 551-552).

Dr. Sabine Bonneck