Swiss Ento Food 2017 | © Dr. Sabine Bonneck

Insekten als Lebensmittel?

Swiss Ento Food 2017 bei der ZHAW Wädenswil

Insekten als Lebensmittel in der Schweiz erlaubt

Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken sind seit dem 1. Mai 2017 in der Schweiz als Lebensmittel zugelassen. Das sind drei von ca. 2.000 Insektenarten, die die Menschen weltweit verspeisen. In unseren Breiten nimmt die Schweiz eine Vorreiterstellung ein, denn in der EU sind Insekten bisher ausschließlich als Tierfutter erlaubt. Was die Zulassungen angeht, steht die Branche also erst am Anfang, und die Hürden für neue Lebensmittel sind hoch. Aber schon heute ist klar, dass Insekten gesund sind: Viele Gattungen sind reich an Fett, Protein, Nahrungsfasern und Mikronährstoffen wie Eisen, Thiamin (B1) oder Zink.

Swiss Ento Food 2017 | © Dr. Sabine Bonneck (obere Reihe: Dr. Peter Braun, Professor Dr. Thomas Potthast, Professor Dr. Arnold Van Huis; Bällchen aus Mehlwurmlarven und Kichererbsen zum Lunch für die Kongressteilnehmer. Mittlere Reihe: Essbare Käfer in der Ausstellung; Professor Dr. Alexander Mathys, Urs Fanger. Untere Reihe: Louis Tamborini, Deborah Beyli, Daniel Ambühl)
Swiss Ento Food 2017 | © Dr. Sabine Bonneck (obere Reihe: Dr. Peter Braun, Professor Dr. Thomas Potthast, Professor Dr. Arnold Van Huis; Bällchen aus Mehlwurmlarven und Kichererbsen zum Lunch für die Kongressteilnehmer. Mittlere Reihe: Essbare Käfer in der Ausstellung; Professor Dr. Alexander Mathys, Urs Fanger. Untere Reihe: Louis Tamborini, Deborah Beyli, Daniel Ambühl)

Bisher sind Insekten in der westlichen Welt als Lebensmittel nahezu unbekannt, aber trotzdem hat jeder von uns – ob bewusst oder unbewusst – schon Insekten gegessen. Sei es, dass sie uns beim Fahrradfahren in den Mund geflogen sind und wir sie heruntergeschluckt haben. Oder dass wir die Karminsäure der Cochenille, auch bekannt als Zusatzstoff E 120, als roten Farbstoff beispielsweise im Campari, in Fisch- und Krebstierpasten oder in Konserven mit roten Obst- und Gemüsesorten genossen haben.

Das Verspeisen von Insekten hat eine lange Tradition. Schon im alten Ägypten aß man sie, und im Alten Testament werden Heuschrecken erwähnt. In der westlichen Welt beschäftigt man sich mindestens seit dem späten 19. Jahrhundert damit. 1881 erschien das Standardwerk „Why not eat insects?“ von Vincent M. Holt. 1921 diskutierte J. Bequaert im Natural History Journal unsere Essgewohnheiten, die im wahrsten Sinne des Wortes „Gewohnheiten“ sind: „What we eat and what we do not eat is, after all, more a matter of custom and fashion than anything else.“

Umdenken in der Lebensmittelproduktion ist nötig

Unstrittig ist, dass die Lebensmittelproduktion, wie wir sie kennen, nicht effizient ist. Die Empfehlungen der Wissenschaft lauten, den Fleischkonsum zu verringern, eher Geflügel als Rind und Schwein zu essen und neue Proteinquellen zu erschließen. Bisher tut man sich jedoch unverändert schwer mit der Substituierung von tierischem Eiweiß. Auch im Labor designter Fleischersatz ist noch weit von der Massenproduktion entfernt.

Obwohl die Züchtung von Insekten noch nicht ansatzweise technologisch ausgereift ist, ist jetzt schon klar, dass sie in Bezug auf den Ressourceneinsatz allen anderen Verfahren zur Gewinnung tierischer Proteine überlegen ist. Die Insektenzucht benötigt kaum Land – Schätzungen zufolge 50-mal weniger als die Rinderzucht. Die Insektenzucht verursacht 100-mal weniger Treibgase als die Rinderzucht, und es wird 1/5 so viel Wasser eingesetzt. Im Ergebnis sind 80 % des Insekts für den menschlichen Verzehr geeignet, während dieser Anteil bei Rindern und Schweinen zwischen 40 und 55 % liegt. Allerdings wären enorme Mengen an Insekten nötig, um den Bedarf in einer nennenswerten Größenordnung zu decken: 70.000 Tonnen entsprächen 1 % des Futters für Geflügel.

Inzwischen sind weltweit Unternehmen in die Produktion von Insekten eingestiegen. Für die noch junge Branche ist Sorgfalt und ein Angebot von qualitativ hochwertigen Produkten wichtig. Ein Lebensmittelskandal würde die bislang nicht übermäßig hohe Akzeptanz bei den Verbrauchern sicher stark vermindern.

Steigendes Interesse der Wissenschaft

Auch das wissenschaftliche Interesse nimmt zu. Alleine in diesem Jahr ist ¼ der bisher insgesamt weltweit veröffentlichten Publikationen erschienen. Mit dem Journal of Insects as Food and Feed gibt es ein eigenes Journal zum Thema mit Peer review-Verfahren.

Die Situation in Europa ist uneinheitlich. In den meisten Ländern sind Insekten nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen. Eine Ausnahme ist Belgien, wo bereits zehn Arten auf dem Markt sind. Dort wurden auch schon erste mikrobiologische Untersuchungen durchgeführt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die derzeit praktizierten Hygienemaßnahmen ausreichend sind, um sichere Lebensmittel auf den Markt zu bringen.

Nachhaltigkeit und Tierwürde im Blick behalten

In Bezug auf die Nachhaltigkeit ist nur wenig gewonnen, wenn Insekten in großem Stil in die Produktion von Tierfutter eingehen. Wenn alle ihren Fleischkonsum reduzieren und einen Teil des restlichen tierischen Eiweißes über Insekten aufnehmen, ist das nachhaltig. Wenn aber Ressourcen in die Zucht von Insekten gesteckt werden, diese wiederum in der konventionellen Massentierhaltung verfüttert werden, während der Fleischverzehr unverändert auf hohem Niveau verharrt, ist das nicht nachhaltig.

Neben den bereits angerissenen Fragen zu Regulierung und Nachhaltigkeit sind ethische Fragen zu klären. Beispielsweise wird diskutiert, ob Insekten schmerzempfindlich oder lernfähig sind oder Gefühle haben bzw. zeigen können. Zudem sollten wir uns klar darüber sein, dass sich die meisten von uns vor Insekten ekeln. Wenn es zur Massenproduktion kommt, müssen die Tiere trotzdem mit Würde behandelt werden.

Fazit

Das Programm des Kongresses „Swiss Ento Food“ der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat eine breite Palette von Themen abgedeckt. Die Vortragenden haben einen umfassenden Überblick über die vielfältigen Aktivitäten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gegeben und eine Reihe von noch zu klärenden Fragen benannt.

Um die Akzeptanz bei den Verbrauchern zu steigern, müssen die Produkte natürlich gut schmecken. Außerdem könnte es hilfreich sein, nicht den gesundheitlichen Nutzen in den Vordergrund zu stellen, sondern die Nachhaltigkeit bei der Herstellung. Ob die Massenproduktion von Insekten nachhaltig ist, hängt allerdings davon ab, was wir daraus machen. Ein großer Schritt wäre getan, wenn wir unseren Fleischkonsum reduzieren und vom verbliebenen Rest einen Teil durch Insekten substituieren. Ethisch nur schwierig zu begründen wäre es, wenn wir zwar Insekten als nachhaltigere Proteinquelle einsetzen, zugleich aber das Ausmaß und die Bedingungen der herkömmlichen industriellen Massenproduktion von Fleisch und Fisch beibehalten wollen.

Dr. Sabine Bonneck