Gesellschaftlicher Umgang mit Risiken am Beispiel von Acrylamid in Lebensmitteln | © Dr. Sabine Bonneck

Gesellschaftlicher Umgang mit Risiken

Fallstudie zu Acrylamid in Lebensmitteln

In meiner Doktorarbeit habe ich den gesellschaftlichen Umgang mit Risiken am Beispiel von Acrylamid in Lebensmitteln untersucht.

Gesellschaftlicher Umgang mit Risiken am Beispiel von Acrylamid in Lebensmitteln | © Dr. Sabine Bonneck
Gesellschaftlicher Umgang mit Risiken am Beispiel von Acrylamid in Lebensmitteln | © Dr. Sabine Bonneck

Zusammenfassung

Im April 2002 kam die Nachricht an die Öffentlichkeit, dass in bestimmten Lebensmitteln Acrylamid enthalten ist. Die Substanz war bereits im Jahr 1994 von der International Agency for Research on Cancer (IARC) als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft worden. Die Akteure der Risikosteuerung setzten sich zwei Ziele: Zum einen wollte man das „Risiko“ durch Acrylamid genauer abschätzen können und zum anderen eine „Reduktion“ in den betroffenen Lebensmitteln erreichen. Rasch wurden umfangreiche Forschungsaktivitäten zu beiden Fragenkomplexen angestoßen. Der Nutzen hieraus ist allerdings auch mehr als zehn Jahre später unklar, und es stellt sich die Frage, die für vorliegende Analyse leitend ist: War die Risikosteuerung im Acrylamid-Fall erfolgreich? Wenn das Risiko geringer geworden ist oder vielleicht nie so groß war, wie ursprünglich angenommen, wäre dies eine gute Nachricht aus der Perspektive des gesundheitlichen Verbraucherschutzes. Ein Erfolg im Acrylamid-Fall wäre zudem eine Bestätigung dafür, dass die zur Jahrtausendwende in weiten Teilen Europas reorganisierten Strukturen im gesundheitlichen Verbraucherschutz geeignet sind, solche Vorfälle einer Lösung zuzuführen, die zufriedenstellend für die Gesellschaft ist. Schließlich würde ein Erfolg auch den Einsatz der Mittel rechtfertigen, die für die Bearbeitung des Problems eingesetzt wurden.

Die untersuchungsleitende Hypothese lautet, dass die Risikosteuerung nicht erfolgreich war. Die Gründe hierfür liegen in der „Unübersichtlichkeit“ des Politikfeldes, die durch den langen Zeitverlauf, viele Akteure und mangelnde Koordination entsteht, sowie in den „Hemmnissen“, die aus nicht beantworteten Forschungsfragen resultieren. Zur Überprüfung der Hypothese wurde der Acrylamid-Fall anhand von öffentlich zugänglichen Quellen umfassend rekonstruiert. Aus 2.109 Dokumenten wurden 1.338 „Ereignisse“ gebildet, die das internationale Geschehen über einen Zeitraum von sieben Jahren, vom 24. April 2002 bis 30. April 2009, abbilden. Die Chronologie beinhaltet einen „wissenschaftlichen Diskurs“ (42 % der Ereignisse) und einen „politischen Diskurs“ (58 %). Anhand der Diskurse wird die Bearbeitung der beiden Fragenkomplexe „Risiko“ und „Reduktion“ überprüft; anhand des politischen Diskurses lassen sich außerdem das Politikfeld und die Aktivitäten des Risikomanagements beschreiben sowie der Erfolg im Acryl­amid-Fall bestimmen.

Die Informationen zu Acrylamid sind weit verstreut, und die Chronologie des Acryl­amid-Falls lässt sich nicht auf bestimmte Eckdaten komprimieren. Es ist daher mit beträchtlichem Aufwand verbunden, sich ein umfassendes Bild von der Risikosteuerung zu verschaffen, die über Jahre andauert. Die Akteursgruppen Exekutive, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbraucherschützer waren auf globaler, regionaler, nationaler und lokaler Ebene an der Bearbeitung des Acrylamid-Falls beteiligt, die entscheidenden Weichenstellungen fanden allerdings ohne nennenswerte Beteiligung von Verbraucherschützern statt.

Auf internationalen Zusammenkünften entschieden Exekutive, Wirtschaft und Wissenschaft, sich mit umfangreichen Forschungsvorhaben zu beschäftigen. Die Forschungsfragen sind überwiegend bis heute nicht vollständig beantwortet. Verschiedene Verfahren zur „Reduktion“ wurden entwickelt; die neu gewonnenen Erkenntnisse im Fragenkomplex „Risiko“ gehen hingegen kaum über die Risikobewertung von IARC aus dem Jahr 1994 hinaus. Bei den Expositionsabschätzungen wird deutlich, welcher Spielraum bei der Erstellung von Risikobewertungen besteht: Obwohl die Exposition in verschiedenen Szenarien berechnet werden kann, wandten Exekutive und Wissenschaft ohne Er­läu­terung fast ausnahmslos eine Methode an, die auf ein relativ niedriges Ergebnis und damit auf die Beschreibung eines relativ geringen Risikos hinausläuft. Insgesamt sind die im Politikfeld vorhandenen „Hemmnisse“, nicht so gravierend wie die „Unübersicht­lichkeit“: Eine Reduktion der Acrylamidgehalte ist technisch machbar; das „Risiko“ durch Acryl­amid konnte nicht weiter aufgeklärt werden, wird aber von Experten nicht in Frage gestellt.

Während bis auf die Expositionsberechnungen die Vorgänge im Zusammenhang mit der Risikobewertung relativ transparent scheinen, agierte das Risikomanagement äußerst intransparent. Keine der Aufgaben, die die internationalen Expertengremien zur Bearbeitung empfehlen, wurde erledigt, z. B. die Bestimmung der Höhe des akzeptablen Risikos, die Formulierung von Anforderungen an die Risikobewertung, die Erarbeitung von Handlungsoptionen oder von Kosten-Nutzen-Vergleichen in Bezug auf Maßnahmen. Das Risikomanagement ist im Ac­ryl­amid-Fall nur zu Beginn und in Einzelfällen in Erscheinung getreten. Teilweise konnte nicht geklärt werden, ob die Maßnahmen ver­bind­lich waren, wie z. B. das Abdrucken von Zubereitungsempfehlungen auf Pommes-Ver­packungen. Eine Evaluierung der Maßnahmen hat nicht stattgefunden. Die einzige nach­weisliche Reduktion wird aus Kalifornien berichtet: Hier setzten Verbraucherschützer die Verminderung von Acrylamidgehalten in einzelnen Produkten international agierender Konzerne durch.

Im Politikfeld, das von „Unübersichtlichkeit“ und „Hemmnissen“ gekennzeichnet ist, ist es nicht zu einer rationalen Problemlösung gekommen. Weder wurden inhaltliche Vorgaben an den Prozess gemacht noch fand eine Aufsicht über seinen Fortgang statt, und so führte die Risikosteuerung nicht zum Erfolg. Die Intransparenz erleichterte es den Akteuren, im Zusammenhang mit der Risikobewertung wie mit dem Risikomanagement gegen internationale Konventionen zur Risikosteuerung zu verstoßen. Im Rahmen der Untersuchung konnte nicht geklärt werden, welche Rolle einzelne Akteure bei der Ge­staltung des Prozesses spielten, insbesondere konnte nicht nachvollzogen werden, wie die Entscheidung zustande gekommen ist, keine Managementmaßnahmen zu ergreifen.

Die Analyse führt zu folgenden Ergebnissen:

  • Die Exposition konnte nicht nachweislich reduziert werden.
  • Exekutive, Wirtschaft und Wissenschaft bearbeiteten den Acrylamid-Fall international in weitgehender Übereinstimmung. Aufseiten der Exekutive waren Auswirkungen der Trennung von Risikobewertung und Risikomanagement nicht erkennbar.
  • Der Acrylamid-Fall wurde nicht effektiv bearbeitet, denn in beiden Fragenkomplexen wurden zahlreiche Forschungsergebnisse erbracht, die möglicherweise für Experten interessant sind, deren Relevanz für den gesundheitlichen Verbraucherschutz aber unklar bleibt.

Ein Risikorat hätte die Risikosteuerung koordinieren und einen Beitrag zum gesundheitlichen Verbraucherschutz leisten können.

 

Dr. Sabine Bonneck