Brauchen wir eine Zuckersteuer? | © benjamas11 @ Shutterstock

Brauchen wir eine Zuckersteuer?

Handlungsbedarf besteht - Alternativvorschläge fehlen

Hintergrund

Mögliche Folgen von Übergewicht | © Bray et al. (2017)
Mögliche Folgen von Übergewicht | © Bray et al. (2017)

Aus nahezu allen Teilen der Welt wird berichtet, dass immer mehr Menschen übergewichtig sind und/oder Diabetes haben. Die Evidenz wird stärker, dass beides mit dem Verzehr von Zucker zusammenhängt. Viele Menschen nehmen weit mehr Zucker zu sich, als die WHO im Rahmen einer gesunden Ernährung empfiehlt. Die wissenschaftlichen Nachweise häufen sich, dass es besonders abträglich für die Gesundheit ist, wenn der Zucker in flüssiger Form aufgenommen wird, also in Form von Softdrinks oder Säften. Die Folgen von Übergewicht für die Gesundheit sind vielfältig (siehe Abbildung[ref]Position Paper Obesity: a chronic relapsing progressive disease process. A position statement of the World Obesity Federation Authors G.A. Bray, K.K. Kim, J.P.H. Wilding First published: 10 May 2017[/ref]), und schon heute verursacht Diabetes, was nur eine mögliche Folgeerkrankung ist, Kosten in Höhe von 1,8 % der weltweiten Wirtschaftsleistung. Die Fallzahlen steigen ununterbrochen weiter – alleine in Deutschland rechnen Experten pro Jahr mit 500.000 neuen Diabetesfällen. Sogar für reiche Länder mit einem gut ausgebauten Gesundheitswesen stellt sich die Frage, wie lange die Kassen die Behandlung von Diabetes und anderen Folgeerkrankungen durch Übergewicht noch bezahlen können.

Modellrechnungen prognostizieren Rückgang der Fallzahlen

Längst steht die Frage im Raum, ob die Politik einschreiten soll. Die Diskussion dreht sich vor allem um den Vorschlag, Softdrinks mit einer „Zuckersteuer“ zu belegen. Befürworter versprechen sich durch die Preiserhöhung einen Rückgang des Konsums; wissenschaftliche Modellrechnungen stützen diese Annahme:

Harvard hat Berechnungen für Illinois und Philadelphia durchgeführt. Für den Staat im Mittleren Westen mit seinen 12 Millionen Einwohnern prognostizieren die Forscher, dass als Folge einer Zuckersteuer von 1 Cent pro Ounce (ca. 30 ml) weniger Softdrinks getrunken würden. Im Laufe von zehn Jahren könnten aufgrund dessen 116.000 Fälle von Übergewicht vermieden und 733 Millionen US-Dollar im Gesundheitswesen eingespart werden. Philadelphia hat rund 1,5 Millionen Einwohner. Wenn hier 3 Cent pro Ounce erhoben würden, schätzen die Forscher, ließen sich pro Jahr 2.280 Diabetesfälle und im Laufe von zehn Jahren 36.000 Fälle von Übergewicht vermeiden.

In Mexiko erwarten Forscher, dass die bereits eingeführte Zuckersteuer während zehn Jahren 18.900 Leben retten und 983 Millionen US-Dollar im Gesundheitswesen einsparen könnte. Für Kanada stellte die Universität von Waterloo eine Modellrechnung an. Hiernach könnten durch eine Verteuerung der Softdrinks um 20 % im Laufe von 25 Jahren 11,7 Mrd. US-Dollar im Gesundheitswesen eingespart werden, denn 600.000 Fälle von Übergewicht und 200.000 Fälle von Diabetes würden vermieden. Das Kieler ife – Institut für Ernährungswirtschaft erwartet nach Einführung einer Zuckersteuer in Deutschland einen Rückgang des Konsums von Softdrinks um ein Drittel.[ref]Vortrag beim Wissenschaftlichen Kongress 2017 der DGE.[/ref]

Bevormundung der Verbraucher?

Übergewicht und Diabetes verursachen weltweit Leid und Kosten. Laut den wissenschaftlichen Modellrechnungen ließen sich die Fallzahlen mit einer Zuckersteuer reduzieren. Die WHO und der EU-Verbraucherkommissar sprechen sich klar für diese Maßnahme aus. Für Berkeley zeigten Wissenschaftler der Universität von North Carolina, dass die Steuer erfolgreich sein kann: Nachdem die Steuer am 1. Januar 2016 eingeführt wurde, ging der Konsum von Softdrinks um 9,6 % zurück. Bereits 2014 wurde die Steuer in Mexiko eingeführt. In der Folge wurden sogar 12 % weniger Softdrinks verkauft. Bleibt die Frage, ob ein derartiger staatlicher Eingriff eine zu große Bevormundung der Menschen bedeuten würde.

Für die EU haben das Institute of Economic Affairs (IEA) und das European Policy Information Centre (EPIC) einen „Nanny-State-Index“ entwickelt. Den Mitgliedsstaaten wurden Punkte zugewiesen, und zwar in Abhängigkeit davon, ob sie Lebensmittel und Getränke besteuern, deren Abgabe über Automaten reglementieren, ob der Verkauf von Energy-Drinks reguliert ist, ob es Beschränkungen für die Werbung gibt oder verbindliche Grenzwerte für ungesunde Bestandteile von Lebensmitteln. Pro Land konnten 100 Punkte vergeben werden.

Spitzenreiter im „Nanny-State Index“ ist Ungarn mit 28 von 100 möglichen Punkten. Ungarn besteuert Softdrinks und hat Grenzwerte für Transfette sowie für Salz in Brot festgelegt. Außerdem dürfen in Restaurants weder Zucker noch Salz auf den Tischen stehen. Softdrinks und fettes Fleisch sind in Kantinen nicht erlaubt.

Auf dem zweiten Platz folgt Frankreich mit 11 Punkten, die sich vor allem aus der Besteuerung von Soft- und Energydrinks ergeben. Zudem ist das im Preis inbegriffene Nachfüllen von Softdrinks nicht mehr erlaubt. Von den übrigen Ländern kam keines mehr über 10 Punkte. Dies ist für Deutschland leicht nachvollziehbar: Eine Zuckersteuer gibt es nicht; der Ernährungsminister hat sich bereits klar gegen die Einführung ausgesprochen.[ref]Ebenfalls die österreichische Gesundheitsministerin: http://www.kleinezeitung.at/lebensart/familie/5182084/RendiWagner_Gesundheitssystem-muss-sich-an-den-Menschen. In Teilen der Schweiz gibt es Planungen für eine Zuckersteuer, u. a. zur Finanzierung der Kosten für zahnärztliche Untersuchungen von Kindern: https://www.nzz.ch/schweiz/gegen-uebergewicht-und-schlechte-zaehne-steuer-soll-zucker-bitter-machen-ld.152330. Nicht nur Getränkehersteller, sondern auch Verbraucherschützer sind dagegen: https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/softdrink-hersteller-whren-sich-gegen-zuckersteuer-auch-konsumentenschutz-stellt-sich-dagegen-131322578[/ref] Energydrinks werden ohne Altersbeschränkung verkauft, Beschränkungen für Werbung gibt es nicht und auch keine Grenzwerte, wie etwa für Transfette oder Salz im Brot.

Fazit

Im 21. Jahrhundert zählt die Eindämmung der Fallzahlen von Übergewicht und Diabetes weltweit zu den wichtigsten Aufgaben. Dies kann nur gelingen, wenn sich die Menschen gesünder ernähren. Bisher macht der Staat bei Lebensmitteln und Getränken kaum Vorschriften, so lange es „nur“ um langfristige Folgen für die Gesundheit geht. In der öffentlichen Diskussion dreht sich der Streit um die Frage, ob es reicht, die Menschen besser über Ernährung aufzuklären oder ob besonders ungesunde Produkte wie Softdrinks durch eine Steuer verteuert werden sollen. Kein Experte glaubt an die kurzfristige Wirkung von Aufklärungskampagnen, so dass die Zuckersteuer alternativlos im Raum steht. Und wenn gleichzeitig Steuern auf gesunde Lebensmittel reduziert oder gestrichen würden, ergäbe sich nicht einmal eine höhere Abgabenbelastung für die Bevölkerung.[ref]Garlichs, Dietrich, 2017: Prävention. Vom Leben im Schlaraffenland. In: Deutsche Diabetes Gesellschaft (Hrsg.): Geschäftsbericht 2016. Berlin[/ref]

Dr. Sabine Bonneck