Lebensmittelbetrug | © vso @ Shutterstock

Lebensmittelbetrug in Altertum und Mittelalter

Oftmals tödliche Gefahren für Verbraucher

Betrug mit Lebensmitteln gibt es schon so lange, wie Menschen mit Lebensmitteln handeln. Wenn die Gesundheit der Verbraucher durch vorsätzliche Verfälschungen gefährdet wird, handelt es sich um „Lebensmittelskandale“. Von einem Skandal ist immer dann die Rede, wenn Menschen gegen Konventionen verstoßen und dies an die Öffentlichkeit kommt.

Manipulation des Genusswertes

Seit Menschengedenken wird über Versuche berichtet, den Genusswert von Lebensmitteln vorsätzlich zu manipulieren, etwa durch den Zusatz wertmindernder Stoffe oder die Verwendung von Ingredienzen, durch die die Ware ansehnlicher werden oder besser schmecken bzw. riechen soll.[ref]Grüne, Jutta, 2002: Staatliche Lebensmittelüberwachung in Deutschland. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Nahrungskultur. Essen und Trinken im Wandel. Der Bürger im Staat, Bd. 52, Heft 4, 188-192[/ref] Aus dem antiken Griechenland stammen Aufschreibungen des Arztes Galenos, wonach Händler Olivenöl mit minderwertigen Fetten gestreckt haben. Durch den Römer Apicius ist eine Anleitung überliefert, wie sich billiges spanisches Öl mithilfe von Kräutern und Wurzeln in teures italienisches verwandeln lässt.[ref]Mueller, Tom, 2007: Da ist alles drin. In: Süddeutsche Zeitung, 29.11.2007. In: http://szmagazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/3970/Da-ist-alles-drin[/ref] In den Zeiten der Gründung des Deutschen Reichs zählten „Schwerspat und Gips im Brot, mit Fuchsin gefärbter Wein, mit Mehl angereicherte Wurst [sowie] Kunstbutter aus Ochsennierenfett“ zu den gängigen Betrügereien.[ref]Hierholzer, Vera, 2010: Nahrung nach Norm. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 190. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht[/ref]

Folgen für die Gesundheit der Verbraucher

Ein Lebensmittel ist nicht mehr sicher, wenn sein Genusswert so sehr verfälscht wird, dass die Gesundheit der Verbraucher gefährdet ist.

Prominentes Beispiel in dieser Kategorie ist Wein, der im Mittelalter aufgrund steigender Nachfrage und Missernten nicht nur mit Kalk, Quecksilber, Arsen, Schwefel, Speck, Senf, Gewürzen und Kräutern verfälscht wurde, sondern auch mit Blei, welches Säure und Herbheit im Geschmack überdeckte. Als Folge hiervon war im 17. Jahrhundert in weiten Teilen Europas die „colica Pictonum“ ausgebrochen, eine Krankheit, die sich in Form von schmerzhaften Koliken und Schäden am Nervensystem äußerte.[ref]Eisinger, Josef, 2007: Eine fatale Tradition. In: Damals, Heft 9, 33-37[/ref]

Hohe Kindersterblichkeit wegen verfälschter Milch

Dramatische Auswirkungen hatte die Manipulation von Milch im deutschen Kaiserreich: Es war gang und gäbe, Milch um bis zu 50 % zu verdünnen und die ursprüngliche Konsistenz durch Beimischung von Zucker, Mehl, Kreide, Gips, Gummi, Gerste, Reis, zerhacktem Kalbshirn oder Seife wieder herzustellen. Es wurde aber auch die Milch von kranken Kühen, verdorbene, bluthaltige oder anderweitig verschmutzte Milch in den Handel gebracht. Als Folge hiervon betrug Ende des 19. Jahrhunderts die Sterblichkeit von Kindern im ersten Lebensjahr in Berlin bis zu 40 %.[ref]Grüne, Jutta, 2002: Staatliche Lebensmittelüberwachung in Deutschland. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Nahrungskultur. Essen und Trinken im Wandel. Der Bürger im Staat, Bd. 52, Heft 4, 188-192[/ref]

Risikomanagement

Schon in der Antike ahndete man Manipulationen an Lebensmitteln. Im Römischen Reich wurden erste Gesetze erlassen, um die Bevölkerung vor verfälschter Nahrung zu schützen.

Im Mittelalter wurde die Lebensmittelqualität im Auftrag der Zünfte oder der Stadträte kontrolliert. Lange Zeit musste man sich dabei auf eine sensorische Prüfung der Produkte beschränken, also auf das, was man sehen, riechen oder schmecken konnte. Die Beimischung vieler gesundheitsschädigender Substanzen, wie z. B. Blei in Wein, konnte in der Regel erst nachgewiesen werden, wenn die negativen Folgen bereits eingetreten waren. Ein vorbeugender Gesundheitsschutz war daher noch nicht möglich. Im Jahr 1707 wurde die erste praktisch angewandte lebensmittelchemische Untersuchungsmethode veröffentlicht. Nachdem Hunderte Menschen nach der Beimischung von Blei in Wein vergiftet worden waren, hatte man mit Hochdruck an der Entwicklung einer Methode zum Nachweis des Schwermetalls geforscht und die „Württembergische Weinprobe“ erfunden.[ref]Grüne, Jutta, 2002: Staatliche Lebensmittelüberwachung in Deutschland. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Nahrungskultur. Essen und Trinken im Wandel. Der Bürger im Staat, Bd. 52, Heft 4, 188-192[/ref].

In Deutschland wurde das erste einheitliche Nahrungsmittelgesetz im Jahr 1879 erlassen. Es markierte den Beginn der Einrichtung einer flächendeckenden amtlichen Lebensmittelüberwachung.[ref]Grüne, Jutta, 2002: Staatliche Lebensmittelüberwachung in Deutschland. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Nahrungskultur. Essen und Trinken im Wandel. Der Bürger im Staat, Bd. 52, Heft 4, 188-192[/ref] Damit wurden zugleich die beiden bis ins 21. Jahrhundert noch gültigen Säulen des Lebensmittelrechts eingeführt, nämlich der Schutz der Gesundheit des Verbrauchers und der Schutz des Verbrauchers vor Irreführung und Täuschung.[ref]Doltsinis, Stefanos, 2004: Regulative Grundlagen der Lebensmittelsicherheit: Ein Abriss der Entwicklung bis zur Gegenwart. In: http://www.vis.bayern.de/ernaehrung/lebensmittelsicherheit/ueberwachung/grundlagen.htm[/ref]

Dr. Sabine Bonneck