Jubiläum IG Für | © Sabine Bonneck

Jubiläum der IG FÜR

Die Zukunft der gesunden Lebensmittel

20. Geburtstag der Interessengemeinschaft

Mit der IG Für setzt sich Georg Sedlmaier schon seit 20 Jahren dafür ein, dass Lebensmittel gesund und die Produktionsbedingungen nachhaltig sind. Sedlmaiers Credo spiegelt sich im Namen der Interessengemeinschaft wider: Man ist nicht gegen etwas, sondern setzt sich FÜR Verbesserungen ein. Mit Ehrenbriefen zeichnet die IG Für besonderes Engagement von Unternehmen aus.

Der runde Geburtstag wurde am 21. und 22. April im Rahmen eines Symposiums mit knapp 80 Teilnehmern in Fulda gefeiert. Die Palette der Vorträge stand unter der Überschrift „Die Zukunft der gesunden Lebensmittel“ und reichte von einem Überblick über aktuelle Entwicklungen in der Gentechnik über positive Fallstudien aus der Lebensmittelherstellung bis hin zu Eindrücken aus Handel und Landwirtschaft.

Neues aus der Gentechnik

Den Auftakt machte Dr. Christoph Then von Testbiotech – Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie. Er informierte über jüngste Entwicklungen in der Gentechnik. Mithilfe neuer Techniken sind Eingriffe in das Erbgut von Zellen inzwischen relativ gezielt möglich. Als Folge werden beispielsweise wieder Versuche mit Nutztieren durchgeführt. Eigentlich hatte man bereits aufgegeben, z. B. Schweine mit mehr Muskeln oder Kühe mit höherer Milchleistung zu züchten, weil die Tiere immer krank waren.

Auch die Auseinandersetzung um die Regulierung der Gentechnik ist in eine neue Phase eingetreten. Die züchtenden Unternehmen bezeichnen die Eingriffe als geringfügig, so dass sie im Ergebnis kaum von konventionell gezüchteten Pflanzen und Tieren zu unterscheiden wären. Deswegen plädieren die Unternehmen dafür, die neu gezüchteten Pflanzen und Tiere von der bisherigen Gentechnik-Regulierung auszunehmen. Dem Vorbild der USA folgend, müssten die neu geschaffenen Organismen dann auch in Europa keine Zulassungsverfahren mehr durchlaufen. Then schlussfolgerte, dass die Veränderungen nicht nur marginal sein können, denn die Unternehmen lassen sich die neu geschaffenen Pflanzen und Tiere patentieren.

Mögliche Folgen veränderter Zulassungsverfahren

Then wies auf zwei wichtige Folgen hin, die eine Veränderung des Zulassungsverfahrens mit sich bringen würde. Zum einen wäre nicht mehr überprüfbar, ob die neu geschaffenen Pflanzen und Tiere unerwünschte Eigenschaften aufweisen. Bisher müssen die Unternehmen den Behörden entsprechende Prüfungsunterlagen vorlegen. Zum anderen gäbe es keine Kontrolle über die veränderten Organismen. Niemand könne mehr nachvollziehen, was von wem verändert wurde – und spätestens dann, wenn veränderte Organismen miteinander kombiniert würden, könne auch nicht mehr von geringfügigen Veränderungen die Rede sein.

Eine Neugestaltung der Zulassung würde nach Meinung von Then zu mehr Intransparenz führen. Vor allem aber gäbe die Gesellschaft die Möglichkeit aus der Hand, sich für oder gegen gentechnisch veränderte Organismen zu entscheiden.

Bio macht einen Unterschied

Im zweiten Vortragsblock gaben die Unternehmen Lebensbaum, Neumarkter Lammsbräu und Rapunzel Einblicke in ihre Geschäftstätigkeit und -philosophie. Lebensbaum startete 1979 als Bioladen auf 20 Quadratmetern. Inzwischen ist es zu einem mittelständischen Familienunternehmen mit über 140 Mitarbeitern herangewachsen und bezieht seine Rohstoffe direkt vom Erzeuger. Das Angebot umfasst Tee, Kaffee und Gewürze in Bio-Qualität, insgesamt 350 Produkte. Pro Jahr produziert Lebensbaum 500 Millionen Teebeutel.

Vor fast 40 Jahren war es noch kaum möglich, Bio-Kräuter zu finden, so dass die Bio-Pioniere schon frühzeitig Projekte mit Erzeugern starteten. Immer stand das Ziel im Vordergrund, den gesamten Geschäftsprozess, von der Produktion bis hin zum Kunden, nachhaltig zu gestalten. Beispielsweise reduzierte man gemeinsam mit den Kaffeebauern den Wasserverbrauch. Und wenn es an einer Produktionsstätte zu einem Überschuss an Emissionen kommt, obwohl Lebensbaum durchweg Naturstrom verwendet, wird dieser mit Hilfe von Klimaschutzprojekte ausgeglichen, die an anderer Stelle CO2 binden.

Für Lebensbaum ist dies nicht nur eine Marketingstrategie, sondern sein Engagement bringt dem Unternehmen auch unmittelbaren Nutzen: Zum einen ist Lebensbaum in weichenstellenden Gremien vertreten und versteht sich selbst als „Schrittmacher einer nachhaltigen Wirtschaft“. Zum anderen gelingt es, durch zufriedene Zulieferer Reputationsrisiken auf ein Minimum zu beschränken.

Engagement im Umweltschutz

1977 wurde Umweltschutz als Unternehmensziel bei Neumarkter Lammsbräu definiert, und spätestens seitdem engagiert sich die Brauerei für den Erhalt der Wasserressourcen. 2,6 % des globalen Wasservorkommens sind trinkbar, aber nur 1 % ist zugänglich. Die Qualität dieses einen Prozents wird immer stärker bedroht: Alleine in Deutschland sind 37 % der Grundwasserkörper in schlechtem Zustand, insbesondere durch Nitrat.

Mit rund hundert Mitarbeitern produziert Neumarkter Lammsbräu 145.000 Hektoliter Bio-Bier, -Mineralwasser und -Limonade. Die Rohstoffe werden aus der Region bezogen; die westliche Oberpfalz zählt zu einem der besten Hopfenanbaugebiete der Welt. Die Produkte sind im höheren Preissegment angesiedelt, denn Neumarkter Lammsbräu bezahlt seine Lieferanten über dem Marktpreis (www.fair-zum-bauern.de), verwendet Bio-Kohlensäure (www.biomineralwasser.de) und unterstützt Projekte im ökologischen Landbau, zum Wasserschutz und zur Förderung der Artenvielfalt.

Pflege der Lieferantenbeziehungen

Auf die längste Bio-Historie kann Rapunzel zurückschauen. Das Unternehmen wurde 1974 in Augsburg gegründet und agiert heute mit etwa 300 Mitarbeitern global. Am Anfang wurden vor allem Nussmuse, Trockenfrüchte und Müsli verkauft. Inzwischen umfasst das Sortiment über 450 Produkte, von denen mehr als die Hälfte im Allgäu hergestellt oder verarbeitet wird. Auch Rapunzel setzt auf stabile und langfristige Beziehungen zu den Lieferanten, um eine gleichbleibende Qualität garantieren zu können.

Den Unterschied verdeutlicht Rapunzel anhand von Vollmilchschokolade: Im konventionellen Segment erhielt ein Kakao-Erzeuger Jahr 2012 zwischen 3 und 6 Cent pro verkaufter Tafel. Die Produktionskette ist nicht überschaubar für ihn, d. h. er weiß nicht, was mit dem Kakao passiert. Von Rapunzel erhalten die Erzeuger 16 Cent. Die Produktionskette ist transparent, da sich die Markt- und Vertriebspartner im Rapunzel-System kennen. Und die Produktionskette ist deutlich kürzer als im konventionellen Markt, weil keine Zwischenhändler, Importeure und Exporteure existieren.

Alle drei Unternehmen veröffentlichen schon seit vielen Jahren Nachhaltigkeitsberichte und haben für ihren Einsatz zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter auch den Ehrenbrief der IG Für.

Ausblick

Die Jubiläumsveranstaltung fand in den Räumen der tegut… GmbH & Co. KG statt. Das Unternehmen ist besonders mit der IG Für verbunden, denn Georg Sedlmaier war 18 Jahre als Vorstand in der Fuldaer Zentrale tätig. Für den 11. September 2018 lädt die IG FÜR nach Berlin ein. Das Symposium trägt den Titel „Ausgesummt?“ und beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedeutung die Biodiversität für die Gesellschaft und für die Lebensmittelbranche hat.

Dr. Sabine Bonneck