Ernährungs- und Lebensmittelforschung – werden wir den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht? | © donfiore @ Shutterstock

Ernährungs- und Lebensmittelforschung – werden wir den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht?

Bericht vom 54. DGE-Kongress 2017 in Kiel

Keinen Zweifel ließ Prof. Manfred Müller in seiner Begrüßung an der Relevanz des Kongressmottos. Es stelle sich zunächst die Frage, ob das Richtige geforscht werde und nicht etwa lediglich das, wofür finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Diese Frage kann wahrscheinlich in den meisten Forschungsbereichen gestellt werden. Konkret auf die Ernährungswissenschaften bezogen stellte Müller fest, dass die Forschung nur anteilig dazu beitrage, die gegenwärtige Situation zu entschärfen, in der weltweit rund eine Milliarde Menschen übergewichtig sind und etwa 800 Millionen Hunger leiden müssen.

DGE-Kongress 2017 | © www.dge.de
DGE-Kongress 2017 | © www.dge.de

Der Kongress wurde von 600 Teilnehmern besucht, die im Laufe von drei Tagen die Gelegenheit hatten, 69 Vorträgen zu folgen und 105 Posterarbeiten zu begutachten. In zahlreichen Arbeiten wurden die Schwierigkeiten thematisiert, die Bevölkerung zu einer gesünderen Ernährung zu ermuntern. In seinem Plenarvortrag erläuterte Prof. Philip Calder, dass die Aufnahme von Omega 3-Fettsäuren trotz anderslautender Empfehlungen bei Schwangeren nicht höher ist als beim Rest der Bevölkerung – bei beiden liegt sie weit unter der empfohlenen Aufnahmemenge. Wenig ermutigend waren auch die Befunde, dass nur 10 % der Befragten in einer Umfrage die Ernährungsempfehlungen der DGE kennen und dass Jugendliche lediglich über geringes Wissen zu Ernährungsfragen verfügen. Erfolge konnten aus einzelnen Projekten vermeldet werden, in denen Obst und Gemüse kostenlos abgegeben wurde: Plötzlich verzehrten die Arbeitnehmer in einer Firma, Schulkinder und arme Menschen mehr Obst und Gemüse als zuvor.

Vertreter von vier der zurzeit wichtigsten Forschungscluster waren im Rahmen eines Symposiums gefordert, die gesellschaftliche Relevanz ihrer Projekte zu erläutern. In Diet-BB, NutriCard und NutriAct soll der Einfluss der Ernährung auf die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen bzw. Herz-Kreislauferkrankungen bzw. auf den Gesundheitszustand im Alter erforscht werden. Zu Diet-BB gehört die Erarbeitung einer Strategie, um die Ergebnisse des Projektes an die Öffentlichkeit zu kommunizieren, und die Erkenntnisse aus den beiden anderen Projekten sollen in die Entwicklung von darauf abgestimmten Lebensmitteln einfließen. Im vierten Forschungscluster enable wird dem Umstand Rechnung getragen, dass sich die Ernährung immer stärker verändert und die Menschen häufiger zu Convenience-Produkten greifen. Ziel dieses Projektes ist die Entwicklung von Fast Food mit günstigeren Nährwertprofilen.

Die Projektnehmer waren aufgefordert, acht Fragen zu ihren Projekten zu beantworten und taten sich mehrheitlich sichtlich schwer, deren Nutzen für die Gesellschaft darzulegen. Sicherlich wäre es sachgerechter gewesen, diese Diskussion mit den Geldgebern für diese Projekte zu führen. Schließlich steht zu befürchten, dass aus den drei erstgenannten Projekten in einigen Jahren Ergebnisse dergestalt vorliegen, dass eine höhere Aufnahme von ungesättigten Fettsäuren oder Ballaststoffen oder ähnlichem zu weniger Neuerkrankungen bzw. zu einem besseren Gesundheitszustand im Alter führen könnte. Und dann?

Seit Jahrzehnten werden Ernährungsempfehlungen kommuniziert. Dass diese bei der Bevölkerung nicht ankommen, ist nicht nur Ergebnis vieler Befragungen, sondern spiegelt sich eindeutig in den Fallzahlen von Übergewicht und Diabetes wider, die in der westlichen Welt stetig ansteigen und in Verbindung mit der demographischen Entwicklung eine immer größere Herausforderung für das Gesundheitssystem darstellen. Wenn die Ernährungswissenschaften einen relevanten Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen, müssen sie wenigstens die grundlegenden Botschaften unters Volk bringen. Dies kann aber nur mit stärkerer Rückendeckung der Politik und mit breit angelegten Informationskampagnen gelingen.

 

Dieser Beitrag ist in der Mai-Ausgabe der Deutschen Lebensmittel-Rundschau erschienen (DLR, Bd. 113, Heft 5, S. 234).

Dr. Sabine Bonneck