Acrylamid: FSA-Kampagne gestartet | © Bukhavets Mikhail @ Shutterstock

Acrylamid: FSA-Kampagne gestartet

Go for Gold

Acrylamid ist wieder auf der Agenda

Seitdem Acrylamid wieder Thema auf EU-Ebene ist, beschäftigen sich einzelne Mitgliedsstaaten ebenfalls damit. Anfang 2016 reduzierte Dänemark die Richtwerte für Acrylamidgehalte in verschiedenen Produkten. In Großbritannien bezeichnete es ein von der FSA eingesetztes Expertengremium es als besorgniserregend, dass die Exposition von Kindern und Jugendlichen bisher nicht erkennbar vermindert worden sei. In Frankreich untersuchte ANSES die Nahrung von Kindern auf Schadstoffe und forderte von Lebensmittelherstellern, Acrylamid und weitere acht Substanzen zu reduzieren.

FSA startete Kampagne "Go for Gold" | © food.gov.uk
FSA startete Kampagne „Go for Gold“ | © food.gov.uk

Anfang 2017 hat die FSA die Kampagne „Go for Gold“ gestartet. Im Fokus steht die Ansprache der Verbraucher, stärkehaltige Produkte, wie Pommes oder Bratkartoffeln, nicht zu dunkel zu braten bzw. zu rösten, weil sonst zu viel Acrylamid entsteht. Verbraucher werden aufgefordert, sich an die Zubereitungsempfehlungen zu halten, die auf den Verpackungen der Produkte aufgedruckt sind. Kartoffeln sollen nicht im Kühlschrank gelagert werden, und die Menschen sollen sich ausgewogen ernähren. Anlass für die Kampagne waren die Ergebnisse einer Total Diet Studie, wonach die Briten deutlich mehr Acrylamid zu sich nehmen, als es die FSA für wünschenswert hält. Im Rahmen der Studie hatten die Probanden ihre Speisen entsprechend bestimmter Vorgaben zubereitet. Es stellte sich heraus, dass Kartoffelprodukte, Frühstücksflocken und Gebäck am stärksten zur Exposition beitragen.

Das fällt auf:

  1. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Testpersonen in der Total Diet Studie die Speisen entsprechend konkreter Vorgaben zubereitet haben. Wenn die Acrylamidgehalte zu hoch sind, dann entweder, weil die Zubereitungsempfehlungen nicht sachgerecht sind oder weil Fertigprodukte, wie Frühstücksflocken und Gebäck, zu hoch belastet sind. Es ist daher nicht plausibel, dass sich die FSA mit ihrer Kampagne ausschließlich an Verbraucher wendet. Vielmehr liefern die Ergebnisse der Total Diet Studie ein weiteres Argument dafür, dass sich die Exposition nicht verändert, so lange verbindliche Grenzwerte für industriell hergestellte Produkte fehlen.
  2. Zitate von Verantwortlichen der FSA flankieren die Bekanntgabe der Kampagne. Danach stellt Acrylamid kein bedeutendes Risiko dar, da für den Menschen bisher kein Krebsrisiko nachgewiesen werden konnte. Damit bleibt der Sinn der Kampagne bzw. der Nutzen für die Verbraucher unklar. Vielmehr bietet man Kritikern eine Gelegenheit, ihre stets gleichen Einwände erneut zu äußern.

Kritik ist neuer Wein in alten Schläuchen:

Der Statistiker David Spiegelhalter führt in seinem Blog Argumente an, die schon seit 2002 regelmäßig in der Diskussion sind. Zunächst erläutert er anhand der jüngsten Risikobewertung von EFSA, dass die Krebsgefahr für den Menschen nicht bewiesen wäre. Spiegelhalter schlussfolgert, dass in Anbetracht der Anzahl der epidemiologischen Studien Zusammenhänge erkennbar sein müssten. Er sieht „evidence of an absence of an important effect“. Tatsächlich ist einigermaßen verwunderlich, wie ausführlich EFSA die Resultate der epidemiologischen Studien diskutiert. Auf Seite 1 der Risikobewertung zieht sie selbst das Fazit, dass die den Studien zugrunde liegenden Daten nicht geeignet sind, um eine Krebsgefahr für den Menschen zu zeigen. Die Daten stammen überwiegend aus den 1990er Jahren und wurden für völlig andere Zwecke erhoben. Es ist also keine Überraschung, dass mit schlechten Daten keine Krebsgefahr für den Menschen gezeigt werden kann.

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Aber selbst wenn die Daten besser wären, würden andere methodologische Probleme zum Tragen kommen. Vor allem wären die Studien kaum groß genug, um einen relativ geringen Anstieg von Krebsraten nachzuweisen. Und wie kann man in einer Studie Nebenwirkungen ausschließen und sicher sein, dass ein beobachteter Zusammenhang nicht von anderen in der Nahrung enthaltenen Substanzen herrührt? Jeder ist gegenüber Acrylamid exponiert. Und wenn es möglich wäre, sich frei von Acrylamid zu ernähren, müssten sich Probanden finden, die sich dazu bereit erklären. Außerdem würde es eine ethische Begründung erfordern, einer Versuchsgruppe acrylamidhaltige Speisen zu verabreichen. Kein Experte zweifelt das Krebsrisiko für den Menschen an. Aber mit den zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden wird man es nicht nachweisen können.

Ein zweites, bereits häufig angebrachtes Argument betrifft die Differenz zwischen den im Tierversuch verabreichten Dosen und der menschlichen Exposition (Margin of Exposure). EFSA sieht erst dann keinen Grund zur Besorgnis, wenn die MOE bei 10.000 liegt, wenn also die Menschen 10.000-mal weniger von einer Substanz zu sich nehmen als im Tierversuch signifikant häufiger Krebs verursacht. Der Statistiker Spiegelhalter zitiert wieder aus dem Bericht der EFSA, wonach diese Differenz für die sogenannten „Extremverzehrer“ bei 160 liegt und findet diese völlig ausreichend. Damit wischt er die Einschätzungen der Experten beiseite: JECFA („human health concern“, S. 1), BfR („[könnte] ein Gesundheitsrisiko darstellen“, S. 1) und EFSA („concern“, S. 1) stufen diesen Abstand sehr wohl als besorgniserregend ein.

Es gibt keine kanzerogene Substanz in unserer Nahrung, für die die MOE geringer wäre. Und dass im Tierversuch höhere Dosen einer Substanz verabreicht werden als wir im normalen Leben zu uns nehmen, ist plausibel. Der Tierversuch dauert schließlich kaum länger als zwei Jahre, während die Menschen gegenüber Acrylamid ihr ganzes Leben exponiert sind. Es ist eine gut nachvollziehbare wissenschaftliche Konvention, hier einen Sicherheitsabstand einzukalkulieren.

Fazit:

Es ist höchste Zeit, endlich Maßnahmen zur Reduktion der Acrylamidgehalte zu ergreifen. Die Frage bleibt, ob „Go for Gold“ die richtige Strategie ist.

Dr. Sabine Bonneck