What is a "food scandal"? | © kentoh @ Shutterstock

Was ist ein „Lebensmittelskandal“?

Können Lebensmittel Skandale verursachen?

Begriff

Das Wort „Lebensmittelskandal“ wurde erstmals 1907 zur Beschreibung der Zustände in amerikanischen Schlachthöfen verwendet. In der deutschen Presse taucht der Begriff seit 1993 mit ansteigender Tendenz auf:

Verwendung des Begriffs "Lebensmittelskandal" in der Presse | © Dr. Sabine Bonneck
Verwendung des Begriffs „Lebensmittelskandal“ in der Presse | © Dr. Sabine Bonneck

 

Dass die Presse immer häufiger über „Lebensmittelskandale“ berichtet, heißt nicht, dass es auch immer häufiger Missstände gibt. Vielmehr verwenden die Medien die Begriffe „Affaire“, „Fall“ und „Skandal“ zunehmend synonym. Beispielsweise bezeichnete „spiegel online“ den Fund von einem „toten Frosch in Weingummi-Tüte“ als „Lebensmittelskandal“.[ref]o. V., 2008: Parlament berät über toten Frosch in Weingummi-Tüte. In: Spiegel online, 16.11.2008. In: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,590721,00.html[/ref]

Ein gewisses Gefühl für Sprache reicht schon aus, um zu entscheiden, dass es sich hier nicht um einen Skandal handelt.

Merkmale eines Skandals

Neu[ref]Neu, Michael, 2004: Der Skandal. In: Bellers, Jürgen/Königsberg, Maren (Hrsg.): Skandal oder Medienrummel? Politikwissenschaft, Band 108. Münster: Lit-Verlag, 2-23.[/ref] definiert drei Merkmale von Skandalen:

  1. Menschliches Handeln: Skandale können nur durch menschliches (Nicht-)Handeln entstehen, d. h., weder Tiere, Pflanzen oder Sachen können Skandale auslösen.
  2. Tabubruch: Dieses Handeln bzw. Unterlassen ist illegitim bzw. beinhaltet einen Verstoß gegen Konventionen.
  3. Öffentlich: Es gibt eine öffentliche Reaktion auf dieses Ereignis.

In den meisten Fällen löst menschliches Handeln nicht unmittelbar Missstände im Zusammenhang mit Lebensmitteln aus bzw. die Missstände stellen keinen Tabubruch dar. In der Story vom Frosch spielte menschliches Handeln zwar höchstwahrscheinlich eine Rolle, denn er konnte kaum während der Produktion in die Weingummitüte gelangt sein, ohne dass an irgendeiner Stelle fahrlässiges Verhalten im Spiel war. Fahrlässiges Verhalten beinhaltet aber normalerweise keinen Verstoß gegen Konventionen. Und, dass die Medien über das Ereignis berichten, ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für einen Skandal. Mit anderen Worten:

[longquote source=“(Neu, 2004, S. 15)“]„Nicht alles, was ‚breitgetreten‘ wird, ist ein .. Skandal.“[/longquote]

Unterscheidung zwischen Missständen und Skandalen

Es ist wichtig, die Ursachen für Missstände zu kennen, denn sonst kann man sie nicht beseitigen. Wie kann es passieren, dass ein Frosch in eine Weingummitüte gelangt? An irgendeiner Stelle im Produktionsprozess hat sich ein Fehler eingeschlichen, und es liegt auf der Hand, dass dieser Fehler ausgeschaltet werden muss. Denn, wenn sich solche Vorfälle häufen, wird die Firma regelmäßig in der Zeitung erwähnt, aber keine Weingummis mehr verkaufen.

[url_preview orientation=“left“ newtab=“true“]https://sabinebonneck.de/2016/11/11/iarc-wahrscheinlich-krebserregend/[/url_preview]

Was aber, wenn der Missstand nicht beseitigt werden kann? Das Management könnte die Entscheidung getroffen haben, dass die Firma Geld einsparen  muss. Dann ist eine Verbesserung der Abläufe vielleicht nicht zu realisieren. Denkbar ist auch, dass das Management aus Trägheit nichts unternimmt. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum Missstände lange andauern bzw. nicht beseitigt werden,[ref]Vgl. ausführlich: Kepplinger, Hans Mathias/Ehmig, Simone C./Hartung, Uwe, 2002: Alltägliche Skandale. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft[/ref] und an diesem Punkt können politische Skandale entstehen. Im Falle des Weingummi-Herstellers etwa, wenn die Lebensmittelüberwachung dem Geschehen tatenlos zusieht…

Im Spiegel-Artikel war nur davon die Rede, dass ein toter Frosch in einer Weingummitüte war. Der Rest ist frei erfunden, um deutlich zu machen, dass „Lebensmittelskandale“ häufig eine politische Dimension haben. Es ist nicht das Lebensmittel, was den Skandal ausmacht, sondern die Reaktion in der politischen Sphäre.

Dr. Sabine Bonneck