IARC: Wahrscheinlich krebserregend? | © Billion Photos @ Shutterstock

IARC: Wie relevant ist „wahrscheinlich krebserregend“?

Immer wieder dieselben Missverständnisse

Was macht IARC?

Meldungen, dass die International Agency for Research on Cancer (IARC) eine Umweltsubstanz als „wahrscheinlich krebserregend” eingestuft hat, gehören inzwischen regelmäßig zu den wichtigsten Nachrichten des Tages. In den letzten Jahren ging es dabei z. B. um die UV-Strahlung oder Diesel ebenso wie um rotes Fleisch und Glyphosat.

IARC ist eine Behörde im Geschäftsbereich der WHO und hat die Aufgabe, die Risiken aus den Substanzen zu bewerten, die in unserer Umwelt vorkommen. Das ist offensichtlich keine leichte Aufgabe. Schon seit Beginn der 1980er Jahre beschäftigt man sich mit der Frage, wie Risikobewertungen durchgeführt werden sollten. Das Problem liegt darin, dass die Risiken für kanzerogene Substanzen normalerweise kaum zu beziffern sind, weil die notwendigen Informationen nicht verfügbar sind und mit den zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden auch nicht beschafft werden können. In der Regel ist unsicher, wie stark die Menschen exponiert sind und ob die Substanz beim Menschen krebserregend wirkt.

4 Schritte der Risikobewertung

Eine Risikobewertung besteht vereinfacht aus vier Schritten:

  1. Mögliche Gefahrenquelle (Hazard Identification) = Eine Substanz wird als Gefahr identifiziert, und ihre Eigenschaften werden beschrieben.
  2. Gefährdungspotenzial (Hazard Characterisation) = Die von der Substanz ausgehende Gefahr wird beschrieben, z. B. in Form von Dosis-Wirkungs-Beziehungen, idealerweise anhand von epidemiologischen Daten und den Ergebnissen aus Tierversuchen.
  3. Expositionsabschätzung (Exposure Assessment) = Es wird abgeschätzt, wie stark die Durchschnittsbevölkerung gegenüber der Substanz exponiert ist, und, ob es Bevölkerungsgruppen gibt, die möglicherweise besonders stark exponiert sind.
  4. Risikocharakterisierung (Risk Characterisation) = In diesem Abschnitt sollten Antworten auf die folgenden Fragen gegeben werden: Wer ist betroffen? Wie oft/in welchem Umfang? Welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen können aus der Exposition entstehen? Sind diese reversibel? Ist der Kausalzusammenhang evident? Ist das Risiko kontrollierbar?

Ergebnisse der Risikobewertung

Bisher (Stand: 16. September 2016) hat IARC 996 Risikobewertungen veröffentlicht. Die Ergebnisse der Risikobewertungen entsprechen diesem Schema:

Kategorie 1        Die Substanz wirkt kanzerogen beim Menschen. Zu diesem Urteil kommt IARC, wenn genügend Daten aus epidemiologischen Studien vorliegen, in Ausnahmefällen auch dann, wenn die Daten aus Tierstudien ausreichend sind und Evidenz für den Menschen vorliegt.

Kategorie 2 a     Die Substanz wirkt beim Menschen wahrscheinlich kanzerogen. Dies gilt für Substanzen, für die es nicht ausreichend Daten aus epidemiologischen Studien gibt, deren kanzerogene Wirkweise im Tierversuch jedoch gezeigt werden konnte. Die Art und Weise des kanzerogenen Wirkmodus beim Tier lässt darauf schließen, dass er beim Menschen ebenso abläuft.

Kategorie 2 b     Die Substanz wirkt beim Menschen möglicherweise kanzerogen. Auch für diese Substanzen gibt es nicht ausreichend epidemiologische Daten. Aber die kanzerogene Wirkweise, die im Tierversuch gezeigt werden konnte, lässt nicht unbedingt darauf schließen, dass sie beim Menschen ähnlich eintritt.

Kategorie 3        Die Kanzerogenität der Substanz kann nicht beurteilt werden. Die Kanzerogenität der Substanz kann weder anhand von epidemiologischen Studien noch von Tierversuchen gezeigt werden.

Kategorie 4        Die Substanz ist wahrscheinlich nicht kanzerogen für Menschen. Weder aus epidemiologischen noch aus Tierstudien kann eine kanzerogene Wirkweise nachgewiesen werden.

In den 996 Risikobewertungen wurden 118 Substanzen als krebserregend für den Menschen eingestuft, 79 als „wahrscheinlich krebserregend“, 291 als „möglicherweise krebserregend“ und eine als „wahrscheinlich nicht krebserregend“. 507 Substanzen konnte IARC nicht bewerten.

Kontroversen um „wahrscheinlich krebserregend“ sind unnötig

Zu öffentlichen Kontroversen führen in jüngerer Vergangenheit die Einstufungen als „wahrscheinlich krebserregend“. Der Ausdruck ist sperrig und nicht sexy für die Medien. Vor allem aber vermittelt der Begriff mehr Unsicherheit als tatsächlich dahinter steht, was regelmäßig Kritiker auf den Plan ruft. Dabei heißt „wahrscheinlich krebserregend“, dass eine Substanz im Tierversuch Krebs verursacht und Experten kaum einen oder sogar keinen Zweifel daran haben, dass die Substanz auch beim Menschen kanzerogen wirkt. Unsicher ist vor allem die Anzahl der Krebsfälle, die durch die Substanz verursacht werden.

Dr. Sabine Bonneck