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Acrylamid: Kommt eine Regulierung?

EU-Kommission scheint einschreiten zu wollen

Neue Risikobewertung aus 2015

Im Sommer 2015 veröffentlichte EFSA die jüngste Risikobewertung zu Acrylamid in Lebensmitteln. Die Exposition gegenüber Acrylamid wird als besorgniserregend eingeschätzt – weil der Abstand zwischen der Dosis, die die Menschen im Durchschnitt über die Nahrung aufnehmen, zu gering ist im Vergleich zu der Dosis, die im Tierversuch signifikant häufiger zu Krebserkrankungen führt. Dieser Abstand ist für kein anderes Kanzerogen in der Nahrung so gering wie für Acrylamid. Im Herbst 2016 hat ein von der britischen FSA einberufenes Expertengremium zusätzlich darauf hingewiesen, dass die Acrylamidgehalte in Kindernahrung zu hoch und damit besorgniserregend sind. Seit fast 15 Jahren weiß man, dass Acrylamid in bestimmten Lebensmitteln vorkommt, und obwohl Verfahren zur Reduktion bekannt sind, gibt es keinen Nachweis, dass es gelungen ist, die Acrylamidgehalte zu reduzieren (zuletzt: EFSA: Scientific Opinion on acrylamide in food, 2015).

Vorschläge zur Regulierung schon durchgesickert

Es sieht so aus, als ob die EU-Kommission sich dazu entschlossen hat, regulierend einzuschreiten. Die Verordnung liegt noch nicht öffentlich vor, Kernelemente sind aber schon durchgesickert:

  1. Richtwerte für die Acrylamidbelastung bestimmter Produkte werden vorgegeben.
  2. Sanktionen bei Überschreitung der Richtwerte sind nicht vorgesehen.

Kritik von Verbraucherschützern

Verbraucherschützer kritisieren schon jetzt, dass die Regulierung ohne Wirkung bleiben wird, denn:

  1. Die Richtwerte sind zu hoch, da sie über den von Deutschland, Dänemark und EFSA angesetzten Werten liegen. Beispielsweise schlägt Dänemark für Kartoffelchips eine Obergrenze von 750 μg/kg vor und für Weizenbrot von 50 μg/kg. Die Richtwerte in der Verordnung liegen bei 1000 μg/kg bzw. 80 μg/kg.
  2. Die Regulierung bleibt unverbindlich. Die freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelhersteller hat aber schon bisher keinen Effekt gezeigt.

Vor allem aber befürchten die Verbraucherschützer, dass die Regulierung dazu führen wird, dass in den Mitgliedsstaaten keine wirkungsvolleren Maßnahmen mehr eingeführt werden. Die Argumentation der Verbraucherschützer ist überzeugend, denn

  1. Schon 2003 lag das Minimum für Kartoffelchips in Deutschland bei 102 μg/kg. In den Folgejahren betrug das Minimum 5 bzw. 60 μg/kg. Das heißt, es ist möglich, Chips mit sehr geringen Acrylamidgehalten herzustellen. Auch in den jüngsten Messungen in Deutschland lagen die Minimalwerte im zweistelligen Bereich, lediglich 1,6 % aller Proben überschritten die Schwelle von 1000 μg/kg. Zumindest für Chips hat die EU-Kommission somit einen Richtwert vorgelegt, der so unkritisch ist, dass – selbst wenn er verbindlich wäre – er nicht zu einer Veränderung der Situation beitragen würde.
  2. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft sind üblich, aber als Steuerungsinstrument ungeeignet. Dieses Steuerungsinstrument war in den 1990er Jahren besonders populär, allerdings hat sich inzwischen herausgestellt, dass die Vereinbarungen häufig nicht eingehalten werden, weswegen Janning es als „defensive Auslegung des Vorsorgeprinzips“ bezeichnet. In Deutschland ist das Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft jedoch unverändert gang und gäbe, obwohl „eine verbindliche Form der Verhaltenssteuerung von Unternehmen … in der deutschen Verbraucherschutzpolitik bisher nicht zu beobachten“ ist.

Im November könnte mit neuen Informationen zur Regulierung zu rechnen sein.

Dr. Sabine Bonneck